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Tage und Wolken

Giorni e nuvole. I/CH 2007. R,B: Silvio Soldini. B: Doriana Leondeff, Francesco Piccolo, Federica Pontremoli. K: Ramiro Civita. S: Carlotta Cristiani. M: Giovanni Venosta. P: Lumiere & Co, Amka Films Productions. D: Margherita Buy, Antonio Albanese, Giuseppe Battiston, Alba Rohrwacher, Carla Signoris u.a.
115 Min. Movienet ab 9.10.08

Ehemann sich versieht

Von Sebastian Gosmann Es gab Zeiten, da mußte an eine zweite Erwerbsquelle nicht einmal gedacht werden. Da hatte der gute Verdienst Micheles sogar ausgereicht, Elsa die Wiederaufnahme ihres Kunstgeschichtestudiums zu ermöglichen. Ohne nebenbei arbeiten zu müssen. Nun jedoch muß Elsa erfahren, daß nicht einmal die sicher geglaubte erste Erwerbsquelle mehr sprudelt. Um sie nicht von ihrem Doktorandenthema, der Freilegung eines jahrhundertealten Freskos, abzulenken, hatte Michele seine Frau nicht über seine bereits zwei Monate währende Arbeitslosigkeit in Kenntnis gesetzt und sie das sorgenfreie, von abendlichen Restaurantbesuchen, gelegentlichen Segeltörns und reger Reisetätigkeit liebkoste Leben weiterleben lassen. Die Geschichte um ein gegen den gesellschaftlichen Abstieg kämpfendes Genueser Ehepaar böte durchaus eine formidable Bühne für miefigen Sozialkitsch. Doch nichts dergleichen geschieht.

Silvio Soldinis neuer, wunderbarer Film überzeugt vor allem durch seine Geerdetheit. Formal wie dramaturgisch stets auf das Wesentliche reduziert, macht Tage und Wolken eigentlich nichts anderes, als eine uralte, bereits tausendfach erzählte Geschichte, nämlich jene von der unumstößlichen Kraft der Liebe, zu variieren. Das jedoch auf ungemein charmante Weise. Mit ruhiger Handkamera beobachtet Soldini seine sorgfältig gezeichneten Figuren bei ihren verzweifelten Versuchen, mit der größten Krise ihres Lebens fertigzuwerden. Es ist das beunruhigende Gefühl von Unfreiheit, das die Protagonisten nach und nach erfaßt. Blickten Michele und Elsa zu Beginn des Films noch aufs offene Meer hinaus, starren sie nun gegen die Wände ihres als viel zu eng empfundenen Hochhausappartements. Auch in Soldinis Bildern rückt das Meer in weite Ferne. Dazwischen liegen die tristen Bauten des wolkenverhangenen Genua; der plötzlich so beschwerliche Alltag. Während der Blick von unten auf Leben und Gesellschaft in Elsa die Kämpferin erweckt, exerziert der Film an Michele sämtliche Phasen eines persönlichen Niedergangs durch. Versprüht er anfangs noch einen gewissen (Zweck-)Optimismus, verliert er sich immer mehr in Selbstmitleid und lähmender Resignation. Ein guter Ratschlag von einem erfahrenen Mann täte ihm jetzt gut, doch wenn sein greiser Vater von Elsa spricht, meint er bloß einen seiner geliebten Aquariumfische.

Es sind die kleinen Momente der Annäherung zwischen den Familienmitgliedern, die besonders berühren in Soldinis perfekt besetztem Film. Die Natürlichkeit, mit der Margherita Buy und Antonio Albanese die immer mehr in Schieflage geratende, ursprünglich stabile Ehe auf die Leinwand bringen, ist schlicht beeindruckend. Ebenso das versöhnliche Schlußbild, das, wenn auch nicht die offenen Wunden zu heilen, so doch zumindest den zugefügten Schmerz zu lindern vermag. Alles wird gut. Man weiß es einfach. 2008-10-08 10:57

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.

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