— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Autistic Disco

D 2007. R: Hans Steinbichler. B: Melanie Rhode. K: Bella Halben. S: Niko Brinkmann. M: Antek Lazarkiewicz. P: Tatami Films, Autistic Disco. D: Benjamin Bieber, Samia Muriel Chancrin, Anne Grabowski, Kirsten Potthoff, Nina Mohr u.a.
82 Min. Zorro ab 9.10.08

Die Macht der Bilder

Von Tamar Noort Über den in Schnee getauchten Bergen liegt ein undurchsichtiger Dunst. Bäume türmen sich herrisch gen Himmel, kahle Felsen und zarte Blumen bekommen ein Eigenleben. Inmitten dieser allgegenwärtigen Natur, versprenkelt, schweifen ein paar verlorene Seelen umher, einsame Gestalten, die aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wurden. Regisseur Hans Steinbichler teilt sich den Credit zu Beginn des Films mit seiner Kamerafrau Bella Halben – zurecht, denn ihre Bilder sind wirklich bemerkenswert. Sie vermag einer Postkartenpanoramalandschaft eine Stimmung zu entlocken, die unterkühlt, geradezu scharf ist, und fängt damit die Gefühlslage der straffälligen Jugendlichen ein, die fernab der Zivilisation an einer Resozialisierungsmaßnahme teilnehmen.

Eine besonders präsente Kamera kann auch zum Hindernis werden. In Autistic Disco ist die Bildsprache so streng, daß der Film aufhört, Film zu sein: Er zerfällt in seine brillanten Einzelteile. Jedes Detail, das ins Auge der Kamera rückt, wird sorgsam so arrangiert, daß ein stimmiges Bild entsteht. Protagonisten treten ins Bild, als sei die Kamera das Publikum und ihr Blickfeld die Bühne. So wird die Kamera in jeder Einstellung mit Nachdruck thematisiert – und das verleiht dem Film eine Künstlichkeit, die ihm nicht gut tut. Denn so gelingt es nicht, den Figuren zu folgen. Die extremen Charaktere der Protagonisten erschließen sich nicht – sie sind zwar aufs Intensivste eingefangen, aber sie werden nicht verstanden. Das ergibt ein besonderes Paradoxon: Der Film verweigert sich seinem Publikum, indem er zeigt, was die Kunst der Bilder zu bieten hat. Autistic Disco funktioniert nicht als Film, weil das Wesen des Kinos, das komponierte Bild, zu sehr in den Vordergrund tritt. Ob Autistic Disco eine Lanze für die Macht der Bilder bricht, ob er eine schlicht abstrakte Überlegung zum Verhältnis von Inhalt und Form darstellt oder einfach nur gescheitert ist im Versuch, eine Geschichte zu erzählen, eins bietet der Film auf jeden Fall: Reflexion über das Kino. 2008-10-06 12:46

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap