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Der Love Guru

The Love Guru. USA 2008. R: Marco Schnabel. B: Graham Gordy, Mike Myers. K: Peter Deming. S: Billy Weber, Lee Haxall, Gregory Perler. M: George S. Clinton. P: Paramount Pictures. D: Mike Myers, Jessica Alba, Justin Timberlake, Romany Malco, Ben Kingsley, Meagan Good u.a.
87 Min. Kinowelt ab 2.10.08

Hindus und Bleichgesichter

Von Daniel Bickermann Die Entwicklung der Komödie seit der Jahrtausendwende wurde maßgeblich von zwei Fernsehfiguren geprägt: Ricky Gervais in The Office und Larry David in Curb Your Enthusiasm. Beide konzentrierten sich praktisch zeitgleich auf ein Humorkonzept, das im Englischen mit der Zuschauerreaktion des »cringing« umschrieben wird, also dem Erschaudern und sich Winden, und das ins Deutsche am besten mit dem Begriff der »Fremdscham« übersetzt wird. Im Gegensatz zu den sympathischen Trotteldarstellungen eines Jerry Lewis oder später eines Steve Martin werden dabei bewußt unsympathische Menschen porträtiert, deren klägliches Versagen nicht nur vom Zuschauer, sondern auch von den umstehenden Figuren mit ungläubigem Schrecken bezeugt wird. Die Herausforderung bei dieser Art Humor besteht darin, das Mitgefühl des Zuschauers für den Protagonisten zu wecken. Dieses entsteht, falls überhaupt, erst nach dem Schadenfreudereflex in Form von unverhohlenem Mitleid: Die Figur ist vielleicht erbärmlich, aber all diese Peinlichkeiten und Schicksalsschläge hat sie dann auch nicht verdient.

Mike Myers, der sich in seiner durchwachsenen Komikerkarriere meist am sympathischen Trottel versuchte, will in seinem neuen Film Der Love Guru diese neue Humorform der Fremdscham anzapfen. Der Gedanke scheint einleuchtend: Seine pseudoindische Hauptfigur ist ein erbärmlicher, geldschindender Eunuch, der als einziger im Raum über seine kindischen Wortspielchen kichert und dessen Gehirnwindungen anscheinend ausschließlich zu Popelwitzen, Zwergwitzen, Urinwitzen und Schwanzwitzen in der Lage sind, was die alltägliche Kommunikation nervlich dann doch erheblich erschwert. Kein Wunder, daß »Regression ins Kleinkindesalter« ein wichtiger Schritt der von ihm beschriebenen Erleuchtung ist. Und doch will sich der Fremdscham-Humor (oder irgendein anderer) so ganz und gar nicht einstellen.

Die Ursachenforschung beginnt beim bevorzugten Stilmittel der Fremdscham-Strategie: bei der langanhaltenden Darstellung von unangenehmen Situationen. In Filmen wie Anchorman oder Borat finden sich eine ganze Reihe schier unerträglicher Momente, in denen die Kamera sich strikt weigert, endlich abzublenden. So werden unlustige Scherze der unsympathischen Figuren zu sekundenlangen Rohrkrepierern und kleine Fehltritte zu nicht enden wollenden öffentlichen Peinlichkeiten. Leider hat man in Hollywood aber nicht verstanden, was die Voraussetzungen für eine solche Taktik sind: Um mit solchen Ausdehnungen Humor zu erzeugen, muß die Hauptfigur zum Beispiel tatsächlich unsympathisch bis ins Mark sein – das aber hat sich seit Gervais und David niemand mehr in dieser Radikalität getraut. Der Instinkt eines Schauspielers, vom Publikum geliebt werden zu wollen, ist ebenso groß wie die Angst der Produzenten, das Identifikationspotential des Zuschauers zu verlieren. Auch in Der Love Guru geht dieser Aspekt ordentlich daneben: Das Drehbuch ist sich unsicher, ob die schlechten Witze der Hauptfigur nicht vielleicht doch irgendwie lustig sind (andere gibt es eben gerade nicht) und lacht zugleich über und mit den Protagonisten. Auch Myers kann sich von Anfang an nicht entscheiden, ob sein Guru ein nerviger Trottel sein soll, der nur auf das Geld von noch dümmeren Esoterikern aus ist, oder doch die Verkörperung endloser Gutmütigkeit und einiger liebenswerter Angewohnheiten. Ergebnis ist ein heilloses inszenatorisches Durcheinander: Myers’ ständiges Zwinkern in die Kamera sowie seine klassische Heldenwandlung im Drehbuch deuten eher auf Sympathiewerbung, während der hilflose Debütregisseur Marco Schnabel alle emotionalen Knöpfe auf einmal drücken will. Fest steht, daß die unlustigen Witze des Guru dadurch nicht komischer werden, daß man ihn sie mehrfach hilflos wiederholen läßt.

Noch essentieller für echten Fremdschamhumor aber sind die sogenannten Bleichgesichter. Eric Idle unterteilte in seiner Humortheorie Komiker grundsätzlich in Rotnasen und Bleichgesichter: Während Rotnasen durch komische Aktionen und verzweifelte Gestik auffallen (Woody Allen, Peter Sellers, Ben Stiller), erzeugen die Bleichgesichter (Buster Keaton, John Cleese, Groucho Marx) Komik vor allem durch ihre Reaktionen auf absurde Geschehnisse – oder durch ihre Verweigerung einer solchen. Die eigentliche Komik in den Momenten der Fremdscham entsteht nun durch die Reaktion der umstehenden Figuren, deren ungläubige Minen angesichts der dauernden Fettnapftreterei der peinlichen Hauptfigur überaus amüsant sind.

In Der Love Guru geht auch diese Kategorie richtig schief: Guru Pitkas Welt ist bevölkert von dümmlichen Sektenhühnern oder stereotypen Abziehbildchen vom raffgierigen Buchhalter, vom sensiblen Sportler und natürlich vom böse behangenen Franko-Kanadier. Und so ist niemand weit und breit in Sicht, der eine natürliche und somit amüsante Reaktion auf diese durchgedrehte Hauptfigur zeigen könnte. Und damit nicht genug: Die einzige natürlich-sympathische Figur, die bemitleidenswerte Jessica Alba, muß leider so tun, als wäre sie zutiefst entzückt von diesem widerlich frisierten Klops und seinen Unterstufenwitzen. Na, was denn jetzt? Sollen wir darüber lachen, daß dieser Mann so unkomisch und erbärmlich ist? Oder sollen wir ihn dann doch lustig finden, weil immerhin die schöne Jessica seine Art von Humor hat? Und wenn manche Witze also gut und manche schlecht sein sollen, woran erkennt man den Unterschied? Hier ging wirklich schon im Konzeptionsstadium einiges daneben.

Apropos Jessica Alba: Sie stemmt sich mit jeder Faser gegen diesen Film und schafft es, sich selbst eine einzigartige Nische der Verdrängung zu graben: Sie spielt jede Szene, als wäre sie in einem richtigen Film, vielleicht sogar einer charmanten romantischen Komödie – dabei ist jedem Zuschauer doch sofort klar, daß sie stattdessen in einen albernen Kindergeburtstag geraten ist (Romantik war noch nie Mike Myers’ Stärke, und hier unterbietet er sich noch selbst). Albas Darstellung hat dadurch zwar so wenig mit dem um sie herum ablaufenden Film zu tun, daß man meinen könnte, ihre Szenen wären separat gedreht und später hineinmontiert worden, dafür kann sie sich aber als einzige Darstellerin für weitere Aufgaben empfehlen.

Letztlich jedoch ist auch sie nur ein weiterer Cameo in diesem mit sinnlosen Gastauftritten gespickten Film, in dem ein glücklicherweise kaum zu erkennender Ben Kingsley eine erschreckend unwürdige Ghandi-Parodie hinlegt, Justin Timberlake einen Celine-Dion-Song nachsingen darf und zahlreiche Promis zu albernem Hindu-Techno ihr Gesicht in die Kamera halten. Daraus entsteht dann ein Film, der nichts über die conditio humana auszusagen hat, sondern lieber tagespolitischen Klamauk mit einer Halbwertszeit bis nächsten Dienstag verbrät. Lediglich Stephen Colbert, ein Fremdscham-Spezialist der zweiten Generation, zeigt zwischendurch mal komödientheoretische Übersicht: Als Sportmoderator mit Drogenproblem überspielt er seine Rolle so radikal, so haarsträubend und absurd, daß die herumstehenden Stereotypen im Vergleich wie ganz normale Menschen und ihre Reaktionen zutiefst natürlich wirken. Weniger kann oft mehr sein, aber noch mehr funktioniert auch. 2008-09-29 14:08

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