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Lemon Tree

Etz Limon. D/IL/F 2008. R,B: Eran Riklis. B: Suha Arraf. K: Rainer Klausmann. S: Tova Asher. M: Habib Shadah. P: Heimatfilm, Eran Riklis Film, MACT. D: Hiam Abbass, Doron Tavory, Ali Suliman, Rona Lipaz-Michael, Tarik Kopty, Amos Lavie, Amnon Wolf, Smadar Yaaron, Ayelet Robinson u.a.
106 Min. Arsenal ab 2.10.08

No Country for Old Women

Von Martin Thomson Über den Israel-Palästina-Konflikt ist schon viel berichtet worden. Aber zumeist verschwinden Individualschicksale im Chaos einer Berichterstattung, die fast nicht mehr hinterherkommt, Terrorangriffe der Palästinenser und deren militärische Beantwortungen durch die Israelis adäquat nachzuverfolgen. Jede im Fernsehen thematisierte Explosion, jede auf welcher Seite auch immer ausgetragene Schlacht, ob im Kleinen oder Großen, wird durch die nachfolgende allzu rasch relativiert. Dieser Krieg scheint kein Ende zu kennen und jede noch so optimistische Voraussicht auf ein friedliches Mit- oder Nebeneinander erweist sich als notdürftige Illusion, um den Abgrund zu ignorieren, der längst zum verdrängten Damoklesschwert beider geworden ist.

Lemon Tree von Eran Riklis unternimmt den Versuch, sich auf eine kleine Schlacht zu konzentrieren, die jedoch so klein wie sie anmutet, gar nicht ist: Denn im Laufe des Films erweist sie sich als enervierende Zerreißprobe und persönliche Zäsur für deren Beteiligte. Das große Schlachtfeld ist hier miniaturisierte Variante eines tief im kollektiven Bewußtsein hausenden Selbstverständnisses der Israelis als herrschende Macht über die gänzlich mit Füßen getretenen, im Begriff von Heimat gelegenen Wurzeln der Palästinenser. Zugleich vermeidet Riklis eine eindimensionale Darstellung, denn die israelische Seite wiederum scheint wie in ein aus der Furcht vor dem unkontrollierbaren Terrorismus gestricktes Korsett maßlosen Sicherheitswahns gezwängt. Die wiederholt eingestreute israelische Sperranlage oder jener Zaun, der die Protagonistin Salma von ihren israelischen Nachbarn trennt, sind hier zwei Kehrseiten ein und derselben Problematik; der auf rechtlicher Ebene schwerfällig ausgetragene Kampf von Salma, die nicht einsehen will, daß ihr Zitronenbaumfeld zerstört werden soll, um den Sicherheitskräften vor dem Heim des benachbarten israelischen Verteidigungsministers uneingeschränkte Sicht auf die umliegenden Gefahrenquellen zu ermöglichen, ist ein Sinnbild für die nicht auflösbare Verhärtung beider Positionen, in der sich das beiderseits vorhandene existenzielle Bedürfnis nach Frieden manifestiert. Ob das israelische Ehepaar, das sich inmitten einer zerrütteten Situation ein friedliches Refugium schaffen will, um eine Normalität zu leben, die angesichts der ständigen Präsenz von Sicherheitskräften geradezu absurd erscheint oder die alleinstehende Salma, deren einzig verbliebene Lebensgrundlage mit dem Verlust ihrer Plantage bedroht scheint; hier wird Lebensraum zu einer bitter umkämpften Utopie.

Lemon Tree ist bei genauerer Betrachtung fast schon als Kriegsfilm zu kategorisieren, nur eben ohne Waffen und Blut, aber nichtsdestotrotz mit konkreten Opfern. Wenn in der atemberaubenden Schlußequenz des Films der israelische Verteidigungsminister – von seiner Ehefrau verlassen – auf der einen Seite vor einer infolge des Rechtsstreits hochgezogenen Betonmauer steht, die ihm die Sicht auf den Horizont versperrt, und die gebrochene Salma auf dem Boden ihrer ehemals fruchtbaren und nun vernichteten Plantage auf der anderen, reift die erschreckende Erkenntnis heran, daß Krieg mehr darstellt als die Bedrohung von Leib und Leben: Er beraubt die Menschen ihrer Wurzeln. 2008-09-29 11:45

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