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Heimatkunde

D 2008. R,B: Martin Sonneborn. R,K: Andreas Coerper. S: Tim Boehme. M: Achim Treu. P: rbb, Medienboard Berlin-Brandenburg.
95 Min. Titanic ab 2.10.08

Status quo vadis

Von Jakob Stählin Martin Sonneborn ist Vorsitzender der Partei »Die Partei«, hat die WM 2006 durch Bestechung eines FIFA-Stimmberechtigten nach Deutschland geholt, und setzt sich als ständiger Mitarbeiter (und ehemaliger Chefredakteur) der »Titanic« gemäß dem Wunsche Chlodwig Poths für die endgültige Teilung Deutschlands ein. Kurzum: Der Mann lebt Satire und bestätigt dies auch in steter Qualität auf seiner Internetseite bei Spiegel-Online, die bereits seit geraumer Zeit Clips von Sonneborns Heimatkunde-Ausflug präsentiert. Angesichts des Titanicschen Humors lag zunächst jedoch der Schluß nahe, daß die Ankündigung, bald einen Kinofilm diesbezüglich herauszubringen, eher als Scherz abzutun sei. Doch – denn guter Humor muß gnadenlos zu Ende gedacht werden – nun ist der Film da.

Der Heimatkundler begibt sich auf eine sechswöchige Reise zu Fuß durch jenes Gebiet, das die Titanic in ihrem Gefahrenatlas geschlossen als »No-Go-Area« definierte: Ostdeutschland. Mit naiven Kommentaren schildert Sprecher Peter Bieringer die vermeintlichen Gedanken des Plattenbaupilgers und kreiert somit bereits im Off den unantastbar Wissensdurstigen. Alles vermag zu überraschen, ohne gleichzeitig jedoch in reflektierte Wertungen zu gipfeln. Im Dialog mit den Ortsansässigen kramt der Reisende in den Köpfen seiner Bekanntschaften und freilich im bundesdeutschen Bewußtsein. Die geschilderten Begegnungen leben von ihrer Beliebigkeit und ihrer Spontaneität und sind bei aller Polemik selten tatsächlich witzig. Jedoch wird völlig bewußt eine Balance zwischen subtiler Provokation und zielstrebig unpointierten Situationen erreicht, die in ihrer schalen Darbietung ein bornsenfgelb schillerndes Porträt der jüngeren deutschen Geschichtsbewältigung zeichnet.

Natürlich hat das rein gar nichts mit den offensiven Reality-Kapriolen eines Sacha Baron Cohen zu tun, sondern ist so aalglatt, so verbohrt und weltoffen zugleich, wie Satire eben sein kann. Sonneborn läßt sich auf jede Haltung seines Gesprächspartners ein, gibt sich naiv und trifft so, zusammen mit seinem Kameramann Andreas Coerper, in durchaus poetischen Bildern eine Handvoll Menschen in ihrer Welt. Das Offensive entsteht lediglich aus dem Interesse für das Marginale, was wiederum die Haltung des Zuschauers in Frage stellt, der mitunter verführt ist, unangebrachte Urteile zu fällen. Die knapp anderthalb Stunden Heimatkunde sind formvollendet, über jeden Zweifel erhaben und könnten ewig weitergehen; schlicht: treffender und unprätentiöser kann ein Zeitdokument nicht sein. 2008-09-29 11:32

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.
© 2012, Schnitt Online

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