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Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?

Burn After Reading. USA 2008. R,B,S: Joel Coen, Ethan Coen. K: Emmanuel Lubezki. M: Carter Burwell. P: Smoke House, Working Title Films. D: Brad Pitt, George Clooney, John Malkovich, Frances McDormand, Tilda Swinton, Richard Jenkins, Lenny Venito, J.K. Simmons u.a.
95 Min. Tobis ab 2.10.08

Die Komik der Eskalation

Von Daniel Bickermann Was sieht man eigentlich beim Blick durch einen US-Spionagesatelliten? Die Coens eröffnen ihren neuen Film nicht zufällig mit einer Aufnahme aus dem Weltraum, und siehe da: Wir sehen die Ostküste der USA. Man sollte meinen, die US-Geheimdienste hätten besseres zu tun, als die guten Bürger von Virginia zu überwachen, aber genau darauf schaut der Satellit. Und er zoomt und zoomt und versteht doch nichts.

Nach der pechschwarzen Existenzialismusparabel No Country for Old Men sind die Coens nur scheinbar zurück auf altem Komödienterrain. Sicher, ihre Figuren heißen wieder Linda Litzke und Ted Treffon und Krapotkin, sie tragen Kleidung, die in ihrer Uniformität lächerlich wirkt, sie schlürfen mit den Strohhalmen beim Konsumieren von Kaltgetränken, und sie haben sich mal wieder die zielstrebig hirnrissigsten Methoden ausgesucht, um zu Reichtum, Glück und Schönheit zu finden. Namentlich versuchen sie sich mal wieder im ohnehin nicht sehr erfolgversprechenden Spiel der Erpressung, das nur noch komplizierter wird, wenn man über die taktische Finesse einer Steinlaus verfügt. Dieses Knallchargentum, dargeboten mit unbestechlichem Timing von Clooney, McDormand und vor allem Pitt, macht Burn After Reading zum lustigsten Coen-Film seit The Big Lebowski.

Aber die Brüder haben sich auch eine dunkle Seite bewahrt: Ihre Protagonisten waren schon immer mit einer solch begnadeten Inkompetenz gesegnet, daß ihre völlig vermasselten kriminellen Aktionen nicht einmal mehr in der Grundabsicht erkennbar waren und somit eher zur allgemeinen Verwirrung als zu konkretem Schaden führten. Dies aber ist das perfekte Rezept für eine endlose Eskalation: Alle wissen, daß irgendwas los ist, aber keiner kapiert, was. Und nachdem alle vom Schlimmsten ausgehen und entsprechend reagieren, kommt es zu haarsträubenden Konflikten und grotesk überzogener Gewaltanwendung. Und genau da legt die perfide Komik der Coens die allgegenwärtige Paranoia der USA bloß – gar nicht so sehr im Zentrum der Geheimdienstbranche, wo man das bunte Treiben eher befremdet registriert, sondern an ihren ausgefransten Rändern, wo man zu viele Spionageromane gelesen hat und die persönlichen Probleme gerne mit den beruflichen vermischt. Sie wird in Burn After Reading zu mehr Leichen führen, als dies in normalen Komödien auch nur diskutabel wäre. Paradoxerweise lacht man sich genau deswegen unter den Kinosessel, weil es dabei dauernd die unschuldigen Trottel trifft, die zur falschen Zeit aus völlig albernen Gründen am falschen Ort sind. Die Autoritäten erstarren derweil in einer lächerlichen Hilflosigkeit: Man kann das eigene Volk überwachen, so viel man mag, und vielleicht findet man dabei auch Bruchstücke der Banalität, die hinter dem Bösen steckt – eine Frau, die unbedingt eine Schönheits-OP will; einen Mann, der das Internet-Dating entdeckt hat; einen arbeitslosen Agenten, der im Suff seine Autobiographie schreibt – aber wirklich durchschauen wird man es nicht.

Gefilmt haben die Coens diesen bittersüßen und urkomischen Kriminaltango erstmals seit Menschengedenken nicht mit Roger Deakins, sondern dem ähnlich brillanten Emmanuel Lubezki hinter der Kamera – was allerdings wenig auffällt und wohl auch ein einmaliger Ausflug bleibt. Ihre Welt ist auch hier visuell immer leicht neben der Spur, die Büros eklig eierschalenfarben, die Anzüge grau und unförmig, das Fitneßstudio ein weinroter Ort der Liebe und anderer neurotischer Idiotien. Erstaunlich gut fügen sich auch die neuen Schauspieler ein: Malkovich als cholerischer Ex-CIA-Analytiker ist eine ebenso passende Beigabe für den Coen-Kosmos wie Brad Pitt, der hier ein spektakuläres Talent für die Komödie offenbart, während J.K. Simmons und David »Sledge Hammer« Rasche als CIA-Agenten mit ebenso nüchternen wie hilflosen Versuchen, in kurzen Zwischenszenen die immer neuen Verwirrungen des Plots nachzuvollziehen, für die größten Lacher sorgen. Die hinreißende Tilda Swinton wirkt mit ihrer natürlichen Distinguiertheit anfangs noch wie ein Fremdkörper in dieser haarsträubenden Welt, doch auch für sie haben sich die Coens einige herrliche Gemeinheiten ausgedacht.

Am Ende, oder besser: am Höhepunkt der Eskalation, verschwinden all diese Charaktere einfach wieder in der Unübersichtlichkeit des Washingtoner Gewusels, auch die Handlung findet nur einen lakonischen Fisch namens Wanda-Gedenk-Abschluß, während der Satellit wieder herauszoomt – keinen Deut klüger, aber sicherlich sehr belustigt. 2008-09-29 11:48

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