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Der Baader Meinhof Komplex

D 2008. R: Uli Edel. B: Bernd Eichinger. K: Rainer Klausmann. S: Alexander Berner. M: Peter Hinderthür, Florian Tessloff. P: Constantin Film Produktion. D: Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Nadja Uhl, Hannah Herzsprung, Niels-Bruno Schmidt, Stipe Erceg u.a.
150 Min. Constantin ab 25.9.08

Baader-Meinhof komplex

Von Oliver Baumgarten Als es vor einiger Zeit hieß, Bernd Eichinger wolle Stefan Austs »Baader-Meinhof-Komplex« »verfilmen«, sorgte dies durchaus für Verwirrung. Ein Sachbuch »verfilmen«? Einen Dokumentarfilm daraus machen, okay, auch ein Sachbuch zu fiktionalisieren ist vorstellbar, aber ein Sachbuch zu »verfilmen« – wenn das Schule macht, dachte man bei sich, »verfilmt« wohl demnächst auch jemand »Brehms Tierleben«? Oder Sebastian Haffners »Überlegungen eines Wechselwählers« – vielleicht auch James Monacos »Film verstehen«, was möglicherweise sogar helfen würde, daß nicht immer die Filmgattungen durcheinandergeworfen werden wie schon damals, als Der Untergang bei der Filmbewertungsstelle als »Doku-Drama« eingestuft wurde.

Wie auch immer: Bernd Eichinger hat mit Regisseur Uli Edel meinetwegen den »Baader-Meinhof-Komplex« verfilmt, und beide mußten neben Grundproblem Nummer eins, der Erzählhaltung, auch das nicht minder schwerwiegende Grundproblem Nummer zwei, Komplexität des zu Erzählenden, in den Griff bekommen. Schon nach wenigen Minuten des nun fertiggestellten Films wird klar, daß beides untrennbar zusammenhängt: Hätte man sich entschieden, auf wen oder was man die Erzählung fokussieren will, hätte es an die Reduktion des komplexen Materials gehen können. Eichinger und Edel allerdings haben sich nicht klar genug entschieden und müssen dann eben alles erzählen. Und so geht es in einem wahnwitzigen Tempo fast zweieinhalb Stunden lang durch knapp zehn Jahre bundesrepublikanischer Geschichte. Figuren fliegen vorbei wie Zuschauer aus Sicht eines Rennfahrers, Themen werden anerzählt und dann fallengelassen, und fast alle der zahllosen und meist bekannten Schauspieler haben in ihren Figuren der Zeitgeschichte so kurze Auftritte, daß sie Schwierigkeiten bekommen werden, die Rolle später mal in ihr Showreel zu integrieren. Und weil – Respekt – komplett auf erklärenden Offkommentar und das Einblenden von Texttafeln verzichtet wurde, gab es für Editor Alexander Berner nicht nur inhaltlich, sondern auch dramaturgisch doppelt viel zu tun. In der einen oder anderen Szene weiß er sich dann auch nicht anders zu helfen, als die Tonspuren zweier Erzählstränge einfach übereinanderzulegen, was fast schon ironisch und ein bißchen hilflos wirkt. So viel Input und Informationen also wie in diesem Unterhaltungsfilm gibt es nicht einmal im Schulfernsehen, und es stellt sich deutlich die Frage, wer da durchsteigen soll, der nicht direkt vorher noch zur Auffrischung die Austsche oder eine andere der mittlerweile zahlreichen Publikationen über die RAF-Geschichte studiert hat?

Und während die Handlung so an einem vorbeirauscht, stechen zwei weitere Punkte deutlich ins Auge: Da ist zum einen die visuelle Ausstattung, die erscheint handwerklich durchaus überzeugend. Hübsche Bilder, schöne Kulissen und Klamotten, die Kamera ist immer da, wo was los ist, besonders präsent natürlich bei all den Explosionen und den mit Schmackes inszenierten Schußwechseln – da merkt man schon Uli Edels Hang zum Genre. Und da sind zum anderen die Schauspieler. Wie gesagt, arm dran, wer bloß eine Nebenrolle hat, andererseits kann man auch nicht gerade behaupten, daß die Hauptdarsteller nun so viel mehr Platz besäßen, ihre Figuren zu entwickeln. Im Grunde bestand die Aufgabe der Darsteller darin, so schnell wie möglich einen prägnant konturierten Scherenschnitt ihrer Figur zu formen, um, sobald der Spot für eine Szene auf sie gerichtet ist, diesen nur noch ins Licht halten zu brauchen, um auf der Leinwand die Umrisse sofort für alle wiedererkennbar werden zu lassen. Platz für Entwicklungen in den Figuren gibt es keine. Mit diesen Anforderungen sind nicht alle der Hauptdarsteller gleich gut klargekommen, am positivsten fällt hier noch die Wucht der Johanna Wokalek auf, deren Gudrun Ensslin fast als einzige jenes Feuer ausstrahlt, ohne das die RAF nicht weit gekommen wäre.

Aus diesem schier unerschöpflich wirkenden Fundus an Figuren fällt ansonsten lediglich noch die von Nadja Uhl gespielte Brigitte Mohnhaupt heraus. Mohnhaupt, 1977 wichtiges Verbindungsglied zwischen der einsitzenden RAF-Führung und der zweiten Generation draußen, ist vielleicht die einzige Figur im Film, die über ihre kanonisierte Charakterisierung hinaus einen neuen Aspekt, einen eigenen kleinen Interpretationsansatz erhält. Sehr genremäßig wird sie bei ihrer Entlassung aus dem Knast als Racheengel inszeniert – es muß viel Überwindung gekostet haben, diese Einstellung nicht in Zeitlupe zu fassen. Später dann steht sie als einzig Starke dem heulenden Elend der Mitglieder der zweiten Generation gegenüber und darf die zentralen Sätze sprechen, wegen der vermutlich der ganze Film überhaupt gedreht wurde: »Nein«, sagt sie sinngemäß am Morgen nach den Stammheim-Toden, als alle »Mord« und »Totschlag« rufen. »Nein, Andreas und Ulrike sind keine Opfer, sind es niemals gewesen, und auch ihr Ende haben sie selbst bestimmt.« Und dann darf Brigitte Mohnhaupt sagen: »Zeichnet kein Bild von ihnen, das der Wirklichkeit nicht entspricht!« Das sagt sie zumindest sinngemäß und meint doch: Schafft keinen Mythos! Damit darf Brigitte Mohnhaupt alias Nadja Uhl einen wichtigen Satz sagen, einen, der den Diskurs über die RAF die letzten Jahre deutlich mitbestimmt hat. Die Figur spricht es also aus, »Schafft keinen Mythos«, und man möchte es als Botschaft des Films nehmen – allein: Die Filmemacher selbst tun nichts anderes als einen Mythos zu bedienen, einen von Stefan Aust mitgeschaffenen, einen, der es größtenteils zur öffentlichen Meinung gebracht hat. In dem Willen, historisch extrem genau sein zu wollen, blieb man auch extrem oberflächlich. Christopher Roth traute sich einst, in seinem Baader-Film zu überzeichnen, den Mythos klar zu thematisieren und damit Stellung zu beziehen. Eine Haltung sucht man in Der Baader Meinhof Komplex vergebens.

Es ist ein eigenartiger Trend im deutschen Film, zu glauben, man könne im Spielfilm historisch authentisch arbeiten, also praktisch ausschließlich allgemein anerkannte Informationen und Erkenntnisse in gespielte Szenen umsetzen. Das vermögen aber ja nicht einmal Dokumentarfilme, von den im Fernsehen so beliebten Reenactments ganz zu schweigen. Film ist Kunst, und Kunst ist Abstraktion und Interpretation, insofern mutet der Versuch von Der Baader Meinhof Komplex absurd an, so historisch detailliert erzählen zu wollen. Und es wäre schön, wenn man endlich aufhören würde, den Leuten vorzumachen, ein auf historische Begebenheiten beruhender Film wäre authentisch – selbst wenn man dies vielleicht sogar allen Ernstes herzustellen versucht hat.

Es gibt dabei doch eines, das behaupte ich mal, was der Film, es ist eindeutig zu spüren, viel lieber hätte werden wollen: Er wäre viel lieber ein Thriller geworden, ein Caper Movie, ein Actionfilm. Das zeigt sich immer wieder, etwa bei der Schah-Demonstration, bei deren Umsetzung geschickt Zuschaueremotionen gesteuert werden, oder in den fast komischen Szenen des jemenitischen Terrorlagers, in der beschriebenen (Wieder-)Einführung Mohnhaupts, in der Inszenierung der Knalleffekte – all das sind deutlich ästhetisierte Ansätze: genug, um absolut nicht authentisch zu sein, aber eben auch lange noch nicht genug für einen Thriller. Konsequenz also, eines der großen Themen der RAF: Bei den Filmemachern hat sie gefehlt. 2008-09-25 17:09

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