Gay of the Dead
Von Patrick Hilpisch
Bruce LaBruce hat sich einen Namen als Gratwanderer zwischen agitativer Kunst und schwuler Pornographie gemacht. In Filmen wie
Skin Flick oder
The Raspberry Reich dehnt der Kanadier die Grenzen beider Darstellungsformen, bis verzerrte filmische Gebilde entstehen, die sich weitab vom Mainstream an ein »Very-special-Interest«-Publikum richten. Pornographie soll dabei laut LaBruce als »starting point to examine sexual politics and homosexual radicalism« dienen.
Die große Metapher, die der Regisseur in seiner neuesten Zelluloid-Chimäre bemüht, ist der Untote. Der Zombie und seine politischen Implikationen – nicht gerade Frischfleisch im kinematographischen »Tropen-Paradies«. In
Otto; or Up with Dead People handelt es sich jedoch um homosexuelle Wiedergänger. Und es scheint, als sei es primär die sexuelle Ausrichtung der nach Menschenfleisch gierenden Zeitgenossen, die die noch lebende Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt.
In diese Welt hineingeboren bzw. hineingestorben ist Otto. Als schwuler Untoter stolpert er orientierungslos durch Berlin, bis ihn die Avantgarde-Filmemacherin Medea Yarn für ihren politischen Schwulen-Porno »Up with Dead People« castet. Bevor das große Finale samt Rudelbumsen und Anknabbern im Kasten ist, hat Otto Sex mit einem Fremden, eine Begegnung mit Skinheads und die Erinnerung an seine erste Liebe wiedergefunden.
Oder ist doch alles ganz anders? Hat man es mit einem traumatisierten und von der Welt entfremdenden Homosexuellen zu tun, dessen Selbst- und Außenwahrnehmung völlig aus den Fugen geraten ist? Dann würde Berlin nicht von mordenden Zombies überrannt, allein der Film-im-Film hätte die Plotanordnung zu Beginn vorgegeben und im weiteren Verlauf unterfüttert.
An LaBruces Schöpfung stört keineswegs, daß dieser individualpsychologische Interpretationsansatz zu einem beliebten Allgemeinplatz mutiert ist. Vielmehr stößt unangenehm auf, daß der Politpornograph eben jenen Agitationsgestus karikiert, der seine früheren Filme ausgezeichnet hat, und gleichzeitig mit einem »melancholy zombie movie with political overtones« scheinbar ernsthaft versuchen will, sich das Genre zu erarbeiten und es zu erweitern.
Das Ergebnis hat dabei weniger mit ironischer Brechung und selbstreflexivem Schaffen zu tun, sondern krankt an der Tatsache, daß es irgendwie alles sein will: Pornographie, schwule Milieustudie, melancholischer Zombiefilm, kapitalismuskritischer Filmessay, postmoderner Zitatereigen und obendrein noch eine Karikatur der ganzen Sammlung. Diese forcierte Heterogenität hinterläßt einen faden Nachgeschmack, der auch durch das Label »Kunstfilm« nicht gemildert werden kann. Dabei haben die einzelnen Teile für sich durchaus ihren Charme und ihre Momente, allein der Fokus fehlt und macht den Film eben höchstens für das eingangs erwähnte »Very-special-Interest«-Publikum interessant.
2008-09-12 12:56