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Friedliche Zeiten

D 2008. R: Neele Leana Vollmar. B: Ruth Toma. K: Pascal Schmit. S: Florian Drechsler. M: Thomas Mehlhorn. P: Royal Pony Film. D: Katharina Schubert, Oliver Stokowski, Nina Monka, Leonie Brill, Tamino Wecker, Axel Prahl, Meret Becker u.a.
98 Min. Kinowelt ab 18.9.08

Kernfamilienspaltung

Von Mary Keiser »Ich laß mich scheiden!«, sagen Ehefrauen nach einem heftigen Streit häufig. »Ja, mach das! Wir können Papa dann ja jedes zweite Wochenende sehen!«, antworten die Kinder eher selten. Während die Eheleute Striesow sich wie Kinder aufführen, benehmen ihre Kinder sich wie Erwachsene. Die Scheidung ist für die beiden Töchter die einzig sinnvolle Lösung des Problems und bereits beschlossene Sache. Sie wissen, daß die ständige dicke Luft mit der dicken Kluft zwischen ihren Eltern zusammenhängt.

Mutter Irene legt am liebsten »die Kette vor« – nicht nur vor die Tür, sondern auch vor die Familie und vor allem zwischen sich und die Außenwelt. Seit der gemeinsamen Flucht in den Westen klammert sie sich an ihre Erinnerungen an die alte Heimat DDR. Die traumatische Fluchterfahrung und ihr Außenseiterstatus im Westen verstärken Irenes Isolation noch. Sie verbringt ihre Tage mit Kochen, Waschen, Putzen und damit, auf den dritten Weltkrieg zu warten. Sie ist wütend, weil ihr Ehemann sich nicht in Ketten legen läßt. Er geht arbeiten, trifft Freunde und träumt davon, nach Amerika auszuwandern.

Dieter und Irene Striesow verkörpern den Gegensatz des Öffentlichen und des Privaten eine Spur zu deutlich. Als personifizierte Rollenbilder könnten sie einem Lehrbuch für Eheberatung entsprungen sein. Friedliche Zeiten überspitzt die gesellschaftliche Enge der 1960er Jahre mit extremen Charakteren und deren übertriebener, aber guter Darstellung. Die nostalgische Goldfärbung verweist ironisch auf die verklärten Vorstellungen von besseren Zeiten. So kommt die erfrischende Idee des umgekehrten doppelten Lottchens noch besser zur Geltung. Die Kinder verstehen gar nicht, warum die Nachbarin das Wort »geschieden« so komisch betont. Mami und Papi sollen sich endlich trennen. Nur schnell eine Kinokarte in der Anzugjacke versteckt, und fertig ist der Krach. Schließlich leiden Kinder am meisten, wenn die Erwachsenen sich streiten.

Auch früher war nicht alles besser. Ein amüsanter Spott zieht sich durch den gesamten Film und erreicht seinen Höhepunkt beim rührseligen Happy End mit einer singenden Familie, die glücklich vereint durchs Wirtschaftswunderland kurvt. 2008-09-12 12:56

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #51.

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