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Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra

Gomorra. I 2008. R,B: Matteo Garrone. B: Roberto Saviano, Ugo Chiti, Massimo Gaudioso, Maurizio Braucci, Gianni Di Gregorio. K: Marco Onorato. S: Marco Spolenti. P: Fandango. D: Toni Servillo, Gianfelice Imparato, Maria Nazionale, Salvatore Cantalupo, Gigio Morra u.a.
135 Min. Prokino ab 11.9.08

Der Mythos ist tot – Es lebe der Mythos

Von Marieke Steinhoff Von Italien sprechen heißt von Wein, Sonne und Pasta schwärmen, von mediterraner Lebenslust und Leichtigkeit. Negativschlagzeilen über Korruption, Mord und Armut in des Deutschen liebsten Urlaubsland werden schnell mit einem lockeren Witz über den verrückten Berlusconi oder die im öffentlichen Diskurs ungemein stereotypisierte und daher ungefährlich wirkende Mafia abgetan. Die deutschen Feuilletonisten beklagen zwar aufgrund der neuesten Entwicklungen vermehrt das Ende der deutsch-italienischen Liebesgeschichte und weiden sich an der Rückständigkeit des europäischen Nachbarn, aber am Ende überwiegt das amüsierte Schulterzucken und nicht die kritisch-distanzierte Auseinandersetzung mit einem Land, das zerrissen ist, ausgezehrt »vom Kampf gegen ein schattenhaftes Imperium, das als eine der Herzkammern der italienischen Wirtschaft gelten muß«.

Diese letzten Worte stammen von Roberto Saviano, dem Autor des internationalen Bestsellers »Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra«, auf dessen Vorlage der gleichnamige Film von Matteo Garrone basiert. Und Gomorrha, der dieser Tage in die deutschen Kinos kommt, zeigt denn auch ein komplett anderes Italien: Hochhäusersiedlungen grau in Grau, zerfallene Wohnblöcke, leere Fabrikhallen, vertrocknete Felder. Nichts von dem Glamour, den man von amerikanischen Mafia-Filmen kennt, wo die Mafiosi elegante Anzüge tragen und umgeben sind von schönen Frauen und einem dicken Bündel Geldscheine. Die Geldscheine gibt es zwar auch in Gomorrha zu sehen, allerdings wandern sie von einer dreckigen Hand zur nächsten, die Mafiosi tragen Jogginghosen, lassen Eleganz und Stil vermissen und bewegen sich in Etablissements, die man freiwillig nie betreten würde.

Gomorrha stellt dem filmischen Hochglanz-Mythos Mafia einen kühlen reportageartigen Stil entgegen und räumt auch ansonsten kräftig auf mit den Klischees, die immer noch über die Mafia in den Medien zu finden sind. Anstelle der streng hierarchisch organisierten Mafia-Familie zeigt Garrone uns die vielen möglichen Verhaltensweisen, die aus der Abwesenheit eines positiv konnotierten Staates entstehen können, und es wird klar, daß man es eher mit einem spezifisch mafiosen Verhalten innerhalb eines definierten Beziehungsnetzes denn mit einer einheitlichen Organisation zu tun hat.

Aus dem Wust von Fakten, Namen und Zahlen, die Savianos Buch zu einem höchst informativen Tatsachenbericht gemacht haben (und Saviano zu einem Gesuchten, der im Untergrund lebt und rund um die Uhr von Leibwächtern bewacht wird), greift Gomorrha fünf Einzelschicksale heraus, an denen exemplarisch erzählt wird, wie die Camorra das Leben in der Region Kampanien lenkt und beeinflußt. Diese fünf Erzählstränge laufen nicht zusammen, wie man es sonst von Episodenfilmen gewohnt ist, sondern bleiben für sich stehen, so daß ein puzzleartiges Gesamtbild entsteht, in welchem noch viele Verbindungsteile fehlen. Dies erscheint insofern konsequent, als daß Garrone die Perspektive des Beobachters inmitten des Geschehens wählt und so gar nicht den Gesamtüberblick über das Geschehen zu liefern vermag. Das wirklich Beunruhigende an Gomorrha ist denn auch dieses Gefühl, als Zuschauer vor Ort zu sein, was zum einen dem dokumentarischen Charakter der Kameraarbeit, also den dreckigen, tristen Bildern, entstanden an Originalschauplätzen, und den vor Ort gecasteten Laiendarstellern geschuldet ist, als auch den langen Sequenzen, die nur durch wenige Schnitte unterbrochen werden.

Wie lebendig der Mythos Mafia auch in der tristen Realität der Vororte Neapels ist, zeigen besonders die beiden Erzählstränge, in deren Mittelpunkt Jugendliche stehen: Für sie stellt der Eintritt in einen der Clans der Camorra die einzige Perspektive auf Geld und Macht dar. Im Spiel imitieren sie noch ihre großen Vorbilder, entnommen aus den amerikanischen Mafia-Filmen, während sie kurze Zeit später feststellen müssen, daß das System keine Helden braucht, nur willige Soldaten. Nicht nur ihnen, sondern auch dem Zuschauer wird damit jegliche Faszination für das Kriminelle genommen; was bleibt, ist rohe Gewalt und die Tristesse eines leeren Strandes, unter dessen Sand zwei Leichen verbuddelt liegen. Und ein großartiger, verstörender, wichtiger Film, der im zeitgenössischen italienischen Kino leider noch seinesgleichen sucht. 2008-09-09 13:41

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