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NoBody's Perfect

D 2008. R,B: Niko von Glasow-Brücher. B: Andrew Emerson, Kirstin von Glasow. K: Ania Dabrowska, Andreas Köhler. S: Mechthild Barth, Mathias Dombrink. P: Palladio Film.
84 Min. Ventura ab 11.9.08

Stärke aus Verletzlichkeit

Von Martin Thomson »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, heißt es gleich im ersten Paragraphen des Grundgesetzbuches der Bundesrepublik Deutschland. Daß die Realisation dieses wahrlich als utopisch anzusehenden Prinzips in unserer alltäglichen Gegenwart nicht immer zu verwirklichen ist, bekommen Randgruppen am stärksten zu spüren. Gerade jene, deren Erscheinungsform nicht den gängigen ästhetischen Gewohnheiten entspricht, werden nicht selten Opfer von hilflosen Reaktionen seitens ihrer Mitmenschen.

Das Spektrum reicht dann von Abscheu bis Mitleid, über Ignoranz bis Verwirrung; Menschen mit Behinderung, so hat es den Anschein, müssen sich allzu früh, bereits in Kindheitstagen die Frage stellen, wie sie es schaffen wollen, sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden, die sie anhand ihrer von der Norm abweichenden Äußerlichkeit diskriminiert. Die Mitglieder der westlichen Gesellschaft, von der hier die Rede ist, betrachten sich dabei nicht selten geistig oder körperlich behinderten Mitmenschen gegenüber erhaben, obgleich ihre Unfähigkeit, mit äußerlichen Unterschieden umzugehen, vielleicht das Indiz für eine andere Form von Behinderung birgt.

Die in den 1990er Jahren aufkeimende Political Correctness, so wohlwollend ihre Intention gewesen ist, hat die Aufmerksamkeit auf Unterschiede dabei noch mehr in den Mittelpunkt gerückt als sie zu egalisieren. Mit einer politisch aufoktroyierten Betroffenheitsterminologie verhält es sich vermutlich ähnlich wie mit Kindern, denen einst das Fluchen untersagt wurde, damit sie es im Jugendalter als Möglichkeit zur geistigen Befreiung ummünzen können.

Daß eine demokratisch-liberal organisierte Gesellschaft an ihre Grenzen stößt, wenn es darum geht, wie mit Unterschieden zu verfahren ist, welche Umgangsformen sich als adäquat erweisen, um zu vermeiden, Körperbehinderten ihre Würde zu nehmen, ruft deswegen notwendigerweise künstlerische Instanzen auf den Plan, die, den Vorteil nutzend, mit ihren Instrumenten in den Alltag unterschiedlicher Menschen und Positionen vorrücken zu können, jene Lücken vielleicht nicht zu schließen in der Lage sind, aber doch immerhin die Aufmerksamkeit und die Sensibilität für ihr Vorhandensein schärfen können.

Der Edelweißpiraten-Regisseur Niko von Glasow – selbst von den verheerenden Konsequenzen des Medikaments Contergan betroffen – wollte mit seinem Film ein Fanal setzen für den weithin unbeachteten Kampf körperbehinderter »Contis« um gesellschaftliche Anerkennung und Respekt. NoBody’s Perfect ist die jahrelang aufgestaute Aggression des Regisseurs gegenüber den mitleidigen Blicken seiner Mitmenschen und die Wut über die Ignoranz der Öffentlichkeit in jeder Einstellung anzusehen. Der nicht gerade schüchterne Regisseur bringt sich und sein Schicksal dabei – wie es spätestens seit Michael Moore zur Gewohnheit geworden ist – in seinen Dokumentarfilm mit ein, vermeidet jedoch sowohl die Rolle des nüchternen Kommentators als auch die des platten Provokateurs.

Indem er elf, ebenfalls contergangeschädigte Persönlichkeiten mit der Kamera verfolgt und sie dazu animiert, von sich und den Umgang mit ihrem entstellten Körper zu erzählen, stellt sie von Glasow zwar zeitweise bloß, verleiht ihnen aber gerade dadurch eine berührende Würde. Die vollkommen bewußt freigelegte Verletzlichkeit ist es, die den hier Vorgestellten eine große Stärke verleiht. Dem Umstand, daß von Glasow selbst von der Thematik betroffen ist, verdankt NoBody’s Perfect dabei sein unprätentiöses, von jeglicher Political Correctness befreites Herantreten an die Problematik. Der schonungslos offene Umgang, mit dem der Regisseur seine Mitstreiter konfrontiert und von dem er sich selbst nicht ausnimmt, intensiviert dabei die selbsttherapeutische Absicht seines Films: In der kompromißlosen Bloßstellung, die bis zur körperlichen Nacktheit reicht, feiert von Glasow seinen trotzigen Triumph über all jene verstohlenen Blicke, die immer Teil seines Lebens und Ursache seines gestörten Körperempfindens waren. »Wer die Bilder wegnähme, ließe die Angst ausbrechen wie ein heulendes Elend«, sagte einst Dietmar Kamper. Von Glasows Film rettet, mehr noch als seine, auch die Würde eines Sujets, das von einer gerechteren Welt träumen darf, ohne dabei seine Glaubwürdigkeit einzubüßen. 2008-09-10 12:57

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