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Babylon A.D.

USA/F 2008. R,B: Mathieu Kassovitz. B: Eric Besnard, Joseph Simas. K: Thierry Arbogast. S: Benjamin Weill. M: Atli Övarsson. P: Twentieth Century Fox, Canal+. D: Vin Diesel, Michelle Yeoh, Mélanie Thierry, Gérard Depardieu, Charlotte Rampling, Lambert Wilson, Mark Strong u.a.
101 Min. Concorde ab 11.9.08

Bridges to Babylon

Von Nils Bothmann Mit Hass und Die purpurnen Flüsse war Mathieu Kassovitz zum gefragten Nachwuchsregisseur aufgestiegen, es folgten der Ruf nach Hollywood, Gothika und anschließend eine fünfjährige Sendepause. Dies liegt teilweise daran, daß sein jüngstes Projekt Babylon A.D. eine bewegte Vergangenheit besitzt. Zwar erklärte Kassovitz in einem Interview, für eine adäquate Verfilmung des Sci-Fi-Buches »Babylon Babies« von Maurice Dantec benötige man an sich mindestens sechs Stunden Film und 500 Millionen Dollar Budget. Er bekam jedoch weder das eine noch das andere, drehte stattdessen seine eigene Version, und zum Dank verlangte das Studio massive Änderungen. Selbst die europäische Kinoversion mit ihren 101 Minuten ist gegenüber Kassovitz' Erstversion schon verkürzt, in Amerika wurde der Film noch auf 90 Minuten getrimmt und anschließend zugunsten der PG-13 Freigabe noch um härtere Szenen erleichtert.

Jedoch ist Babylon A.D. auch in der Euro-Version alles andere als ein runder Film, was schon bei der relativ handelsüblichen Geschichte vom Söldner anfängt, der eine Schutzbefohlene zusammen mit deren weiblicher Begleiterin aus dem Ostblock der Zukunft ins gelobte Land der USA bringen soll. Klingt nach Children of Men, und tatsächlich wirkt Babylon A.D. über weite Strecken wie dessen kleiner Bruder. Doch wo dieser aus seinem ebenfalls recht abgegriffenen Plot ein fesselndes, beeindruckendes Stück Kino zaubern konnte, da läßt Babylon A.D. aufgrund seiner unspannenden Erzählweise nur kalt. Von dramaturgischen Fehlentscheidungen ganz zu schweigen, z.B. gegen Ende: Bereits 20 Minuten vor Filmschluß läßt Kassovitz den Showdown auf den Zuschauer niederprasseln, danach scheint die Chefin der Fieslinge nicht mehr nach den Flüchtigen zu suchen (ohne eine Angabe von Gründen), und der Zuschauer muß sich durch einen reichlich uninteressanten Nachklapp zur eigentlichen Geschichte quälen.

Das ist schade, denn von rein handwerklicher Seite gibt es an Babylon A.D. wenig auszusetzen, gerade die Kameraarbeit weiß zu überzeugen und hat einige ausgeklügelte Fahrten zu bieten. Auch die recht gering gesäte Action ist stets packend inszeniert, schickt den Helden in einen Cage-Fight und auf eine Schneemobiljagd, doch als reines Actionvehikel versucht sich Babylon A.D. nicht – trotz Vin Diesel in der Hauptrolle. Dieser absolviert die Rolle des harten Söldners mit dem weichen Kern sogar ziemlich überzeugend und erhält tolle Unterstützung von Michelle Yeoh als Bodyguard-Nonne, deren Blicke teilweise mehr sagen als ein Schwall großer Worte. Charlotte Rampling ist verschenkt, Gérard Depardieu macht seine wenigen Szenen zu einem Fest, lediglich Mélanie Thierry als zu Beschützende wirkt einfach blaß und ausdruckslos.

In Erinnerung bleiben zudem kleine Details, die ein Bild von der Welt von Babylon A.D. zeichnen. Sehr stark ist vor allem die Szene, in welcher Flüchtlinge via U-Boot das Land verlassen wollen und der Captain eiskalt die Luken schließen und auf die Draußengebliebenen schießen läßt, sobald er sein Boot voll wähnt. Oder die Eröffnung, die den Alltag des Helden in der verrohten Zukunft zeigt. Doch all diese Qualitäten können nicht darüber hinwegtäuschen, daß Babylon A.D. den Zuschauer einfach nicht packen kann. Und so bleibt zum Schluß vor allem eine spannende Frage: Ist die Tatsache, daß man die verarmten Massen des Zukunftsostblocks mit dem Public Viewing von Bollywoodfilmen berieselt, Dystopie oder Heilsversprechen? 2008-09-09 13:40

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