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Die Entdeckung der Currywurst

D 2007. R,B: Ulla Wagner. K: Theo Bierkens. S: Corina Dietz. M: Christine Aufderhaar. P: Tag/Traum. D: Alexander Khuon, Barbara Sukowa, Wolfgang Böck, Branko Samarovski u.a.
108 Min. Schwarz-Weiss ab 11.9.08

Currywurst statt Selbstzweifel

Von Martin Thomson Einschneidende Veränderung in Lebensentwürfen, die anscheinend als sicher gelten, fördern zumeist unerwartete Reaktionen zutage. Zäsuren gehören jedoch nicht nur zum bitteren Tagesgeschäft einer Gegenwartskultur, die sich im Fahrwasser einer erstarkten gesellschaftlichen Liberalisierung von einer kurzfristigen Option zur nächsten über ihren eigenen Abgrund entlanghangelt, sie ist auch seit je eine Konstante in der deutschen Geschichte, die stets auch eine Geschichte des Scheiterns, der Schuld und der enttäuschten Erwartungen zu erzählen wußte.

Schmerzhafte Zäsuren sind hier, wie fast nirgendwo auf der Welt, das, was anderen Nationen ihre Entwicklung aus Kontinuität heraus ist. Pauschalisierend gesprochen: Anders als in den Vereinigten Staaten etwa, definieren sich die kollektiven moralischen Wertmaßstäbe der Deutschen immer aus dem Abstand zur eigenen Geschichte und nicht aus der Identifikation mit ihr. Umso verwunderlicher, daß sich der deutsche Film an ultimativen Werken über jene historischen Einschnitte nur selten herantraut oder, wie der Erfolg von Good Bye, Lenin! beweist, allenfalls kleinlaute Einzelschicksale für tragikomische Parabeln heranzieht.

Eine Jahreszahl des 20. Jahrhunderts liefert vor dem Hintergrund seiner nach wie vor vorhandenen Sprengkraft in öffentlichen Diskursen den Beweis für die These von der Entwicklung aus den Brüchen: 1945. Eine Jahreszahl in der die vormals als unverrückbar geltende Ideologie des »tausendjährigen Reichs« ihr jähes Ende fand. Eine Jahreszahl freilich, die inzwischen ergänzt durch andere, wie etwa 1968 oder 1989, nach wie vor das Versprechen zu bergen scheint, daß sich mörderische Konsequenzen aus gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozessen aus dem eigenen Schuldbewußtsein ableiten lassen.

Dies ist der Kampf, der seit 1968 in der deutschen Öffentlichkeit tobt: ein Kampf zwischen jenen, die sich von der Aufrechterhaltung eines kollektiven historischen Gedächtnisses an 1945 mit all seinen unmenschlichen Gräuelfotos und Auschwitz-Portraits ein moralisches Bewußtsein gegenüber den humanistischen Herausforderungen unserer Gegenwart versprechen, und jenen, die sich eine finale Befreiung vom größten menschlichen Versagen des letzten Jahrhunderts herbeisehnen. Beide Seiten bereiten in dieser Auseinandersetzung unfreiwillig dem anderen den argumentativen Boden, führen aber gerade dadurch den Beweis einer immer noch intakten Verarbeitung der Vergangenheit vor. All jene, die sich an diesem Streit nicht beteiligen, wandern entweder in Verleugnung oder Gleichgültigkeit ab. Eine nicht leicht zu handhabende Herausforderung angesichts der nicht verebbenden populärkulturellen Überantwortung des Themas, die spätestens mit banalisierender Guido-Knopp-Abendunterhaltung und der Melodramatisierung einer Bernd-Eichinger-Produktion à la Der Untergang zur festen Schreckensgröße im Repertoire moderner Unterhaltungsmedien geworden ist.

Im Unterschied zu der 1968 erstmalig im breiten Ausmaße betriebenen Schulddebatte, scheint sich jene inzwischen eher in theoretischen Festschreibungen hinein entwickelt zu haben, die, damals aufgestellt, ihre Gültigkeit bewahren konnten, aber eben auch, durch den zunehmenden Abstand retardiert, von der Populärkultur auf ein konsumierbares Maß heruntergeschraubt wurden. Die Goldhagen-Debatte Mitte der 1990er Jahre war da nur ein intellektuelles Vorgeplänkel für den im gleichen Zeitraum für Furore gesorgt habenden internationalen Erfolg des Bestsellers »Der Vorleser« von Bernhard Schlink, der gegenwärtig mit Nicole Kidmann in der Hauptrolle, verfilmt wird. Eine zutiefst tragische, weil von gescheiterter Vergangenheitsbewältigung genährte Liebesgeschichte, in der die Parallelisierung von Verbrechen und Liebe eine eindrucksvolle Metapher für die gesellschaftliche Problematik der NS-Debatte ist.

Auch der Bestseller »Die Entdeckung der Currywurst« von Uwe Timm schickte sich 2000 an, eine, wenngleich in ihren moralischen Dimensionierungen weniger an fundamentale Fragestellungen rüttelnde Liebesgeschichte in die Schulddebatte mit einzubringen. Wo Schlink die Zäsur seiner Helden und damit auch die geschichtliche Zäsur von 1945 als eine Wunde beschreibt, die seinem Protagonisten ein Leben in Liebesunfähigkeit bereitet und seiner Protagonistin den Weg in den Freitod ebnet, setzt Timm, wenn nicht frei von einem ironischen Unterton, auf den »Stunde-Null«-Mythos, der nährenden Kraft des Neuanfangs einer aus dem Krieg hervorgegangenen Konsumkultur, die in der Feierabend-Currywurst ihren sinntragenden Triumph feiert.

Den Umstand, daß gerade so vermeintlich widersprüchliche Themen wie Krieg und Liebe dialektisch gedacht werden, greifen jedoch beide Romane auf: Liebe und Begierde als Utopie eines Leistungsdruck und Konkurrenzdenken entgegengesetzten Kompensats ist vermutlich eine von ähnlichen Idealvorstellungen getragene Vorstellung, wie sie nicht nur Soldaten in bevorstehende Kriege und Zivilisten in Illusionen von Großreich, Weltgeltung und Chauvinismus manövriert, sie ist so alt wie das menschliche Streben nach Aufhebung der erbarmungslosen Willkür selbst. Friedrich Nietzsche hatte wohl nicht Unrecht, wenn er einst schrieb, Liebe sei wie Krieg, leicht zu beginnen, schwer zu beenden und nie zu vergessen.

Die Verfilmung des Uwe Timm-Romans, die Ulla Wagner nun vorlegt, nimmt im weitläufigen Spektrum zwischen gesellschaftlich relevanten, gelungenen und banalen Versuchen den komplexen Verzweigungen, die das Thema aufbietet, nachzukommen, eine schwer definierbare Stellung ein. Es scheint zu groß, um in eine handwerklich zwar passable, aber letztlich dadurch auch leicht in Bedeutungslosigkeit abdriftende inszenatorische Form gepaßt zu werden. Andererseits erscheint die Beiläufigkeit, mit der die Charaktere in eine leicht durchschaubare Dramaturgie positioniert werden aber auch der Vorlage gerecht, weil jene gerade ihren Reiz der Tatsache schuldet, daß sie es schaffte, ganz gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Umständen darzustellen.

Diese Verweigerung des Pathos ist es denn auch, die Wagners Film angenehm unverkrampft, nichtsdestotrotz aber bis an die Schmerzgrenzen seicht erscheinen läßt. An sich tragische Vorkommnisse in der Handlung mögen nicht so recht bestürzen, so daß sich nach dem Kinobesuch eine Ideologie unserer Gegenwart auftut, mit deren Hilfe sich allzu leichtfertig über Trennung, Tod und Zweifel hinweghelfen läßt: Currywurst statt Selbstzweifel. 2008-09-08 12:26

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