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Weiße Lilien

A/D/LUX/UNG 2007. R,B: Christian Frosch. K: Busso von Müller. S: Michael Palm. M: Andreas Ockert. P: Amour Fou Filmproduktion, Mediopolis Film und Fernsehproduktion, Minotaurus Film u.a. D: Johanna Wokalek, Erni Mangold, Xaver Hutter, Martin Wuttke, Susi Stach, Gabriel Barylli, Brigitte Hobmeier u.a.
96 Min. Neue Visionen ab 11.9.08

Sinnentblößt

Von Carsten Happe Die Vorbilder von Weiße Lilien sind ebenso klar wie die eiskalten Bilder, die dem Film seine eigenwillige Ästhetik verleihen. Die Überwachungsmechanik, die den bedrohlich aufragenden Wohnblock kontrolliert, der als einziger Schauplatz des Films dient, gemahnt natürlich an Orwell, Huxley und deren Epigonen. Die surrealen Momente auf der Bild- und Tonebene zitieren freimütig den mittleren bis späten David Lynch, ebenso die Schizophrenie der Charaktere im Verlauf der Handlung. Der Beginn jedoch ist ein selbstmörderischer Fenstersturz einer jungen Frau, der der Protagonistin Hannah den Umzug in eine freigewordene Wohnung ermöglicht und die Flucht vor ihrem gewalttätigen Freund, immerhin ein Stockwerk weit. Hannah fügt sich recht arglos in die Kontrollmaschine von »Neustadt« ein, wirkt immer ein wenig entrückt, bis sie schließlich der kämpferischen Anna begegnet, die im Untergrund gegen das System aufbegehrt.

Allerdings bleibt die Bedrohung durch die Obrigkeit seltsam nebulös, nicht minder das Verhalten der braven Bewohner wie auch der Rebellen. Ist das Ganze vielleicht am Ende eine einzige Scharade, ein dystopischer Alptraum, aus dem Hannah einfach nicht zu erwachen vermag? Indizien und Hinweise gibt es zahlreiche, so wie hier vieles nur angedeutet bleibt, mit der einzigen Ausnahme der Nacktheit von Brigitte Hobmeier, die als Hannah durch die Szenerie traumwandelt und sich ebenso ständig wie dramaturgisch unmotiviert entblößen muß. Aufmerksamen Lesern mögen die Palindrome und die Namensgleichheit der Protagonistinnen aufgefallen sein – wenn der Plot des Films mit zunehmender Spieldauer und unter orgiastischen Zuckungen implodiert, holt Regisseur und Autor Christian Frosch auch noch diesen bemühten Spiegeltrick aus Bergmans Persona hervor und gibt seiner sich bis dato quälend und holzschnittartig voranschreitenden Geschichte schließlich den Todesstoß: Laienspieltheater auf der Dachterrasse, das einen Showdown vorgaukelt, Lynchismen ohne Sinn und Verstand und – zumindest bei der Aufführung beim Filmfest Emden – leergespielte Zuschauerränge, die dem Debakel auf der Leinwand entgegengähnen.

Vorbilder zu zitieren, sie mit einer Hommage zu würdigen, ist das eine; sie auszuweiden, bis nur noch ihre leere Hülle übrigbleibt und sie zusammenhanglos wie belanglos im Raum stehen, ist die traurige Wahrheit von Weiße Lilien. 2008-09-08 11:25
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