— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Dance for All

D/CH 2007. R,B: Viviane Blumenschein. R,B,S: Elena Bromund. K: Franz Lustig. M: mosermeyer. P: InsideOut Film.
92 Min. Farbfilm ab 11.9.08

Tanz oder gar nicht

Von Marieke Steinhoff Bei schlechten Dokumentarfilmen hat man oft das Gefühl, der Filmemacher nehme sich selber wichtiger als den Gegenstand, den er untersucht. Vorgefertigte Schablonen werden paßgenau aufs Bild gesetzt, suggestive Fragen verhindern spontane Äußerungen, und die Interpretation wird vom jeweiligen Wertekanon des Beobachtenden bestimmt. All dies verhindert das, was eigentlich Ziel eines Vermittlers zwischen verschiedenen Realitäten sein sollte: die Nähe zu den Menschen, die er begleitet.

Dance for All ist nun wiederum einer dieser Dokumentarfilme, die den Zuschauer ganz nahe an die Protagonisten und ihre Lebenskontexte bringen. Im Mittelpunkt steht das titelgebende Tanzausbildungsprogramm, das 1991 vom Ex-Solisten Philip Boyd gegründet wurde und bis heute fortgeführt wird. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche in den Townships rund um Kapstadt, in einer Gegend also, in der künstlerische Aufführungen rar sind und oftmals der Kampf ums Überleben im Vordergrund steht.

Das Thema »Schwarze Kinder aus den südafrikanischen Townships lernen Ballett« hätte schnell in einem Rhythm Is It-Aufguß mit Gangster-Romantik und Wellblechhütten-Tristesse enden können. Der wesentliche Unterschied zu der Hochglanzdokumentation über das »Education«-Projekt der Berliner Philharmoniker liegt aber in der völligen Konzentration auf die jungen Tänzerinnen und Tänzer, die wie selbstverständlich ihr Leben vor der Kamera entblättern. Ihnen und ihren Familien gehört der Film, nicht den Leitern des Projekts. Die Begeisterung für den Tanz bleibt dabei das zentrale Moment, auch wenn daneben immer wieder andere Themen hervorblitzen: Gewalt und Armut, Mütter, die an AIDS sterben, Väter, die sich jeden Abend betrinken, ein Land, das sich immer noch nicht von der Apartheid erholt hat.

Daß trotz dieser Vielfalt ein durchweg stimmiger und stringenter, extrem berührender Film entstanden ist, der nie pathetisch oder moralisierend daherkommt und dank der wunderschön fotographierten Tanzszenen und des klug durchdachten und rhythmischen Schnitts auch ästhetisch einen Hochgenuß bereitet, ist eine große Leistung und wird somit der wertvollen und beeindruckenden Arbeit von Boyd und den anderen Mitarbeitern des »Dance for All«-Programms gerecht. 2008-09-08 11:20

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #51.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap