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Winx Club – Das Geheimnis des Verlorenen Königreichs

Winx Club – Il segreto del regno perduto. I 2007. R,B: Iginio Straffi. B: Sean Molyneaux. S: Daniele Cipriani. M: Natalie Imbruglia. P: Rainbow.
93 Min. m4e ab 4.9.08

Von Feen und Phalloi

Von Natália Wiedmann »Lauf, jetzt ist keine Zeit für Fragen!«, befiehlt Faragonda, die Direktorin der Feen-Highschool Alfea, Ausbildungsstätte der sechs Protagonistinnen des Winx Club. Man wünschte, dieser wachrüttelnde Aufruf wäre schon in den ersten Filmminuten erfolgt, noch vor dem Anfangskampf, dessen inhaltliche Bedeutung und Notwendigkeit sich nie wirklich erschließt, der den Teenie-Feen aber Gelegenheit für ihre Transformationen gibt: Die Zeit bleibt stehen, und unter viel Glitzerstaub und Gesang werden die spärlich bekleideten Computeranimationen noch notdürftiger bedeckt, während sie sich winden und strecken.

Eine hinterhältige Falle, in welche die Vor- und Grundschulmädchen hier gelockt werden: Geködert werden sie mit der Geschichte von dem einfachen Erdenmädchen Bloom, das herausfindet, daß es eine Prinzessin und Fee mit magischen Kräften ist. Besondere Kräfte an sich entdecken, einzigartig sein und die Welt retten, am besten mehrmals – auch für Erwachsene noch ein attraktives Erzählmuster. Noch dazu sind die Feen wunderschön und beste Freundinnen, sie halten zusammen ohne Konkurrentinnen zu sein, denn jede hat ihre eigenen Superkräfte. Aber dieser Präsentation von Girlpower, gegen die zunächst ja nicht viel einzuwenden wäre, wird ein sexistisches Frauenbild mitgeliefert. »Ich fühle mich wunderschön und schlank«, lautet eine Zeile des Verwandlungssongs, und damit wird ausgesprochen, was die eigentliche Leistung der sechs Feen ist, nämlich immer gut auszusehen, selbst im Kampf gegen das Böse.

Augenbrauen, die an Permanent Make-Up denken lassen und eine Gesichtsmimik, die in etwa so interessant ist, als wären die Feen jahrelang mit Botox behandelt worden, bereiten die jungen Zuschauerinnen darauf vor, welche Anstrengungen sie später als Vorzeige-Frauen auf sich zu nehmen bereit sein müssen, um ewige Barbie-Puppen-Schönheit auszustrahlen. Zwischen den Kämpfen um die Rettung der Feenwelt bleibt durchaus Zeit, über lackierte Fingernägel zu plaudern, und die Taillen der Feen lassen vermuten, daß in ihrem Zauberreich Magix das jahrelange Einschnüren wieder zur Mode geworden ist – schließlich kommen so die herausragenden Brüste, die sich unter den meist kurzen, bauchfreien Tops spannen, besser zur Geltung, ebenso wie die breiten Hüften und ausladenden Hinterteile, die das übersexualisierte Frauenbild vervollständigen. Eines der zahlreichen Outfits auf ihrer Mission sind eng anliegende Ganzkörperanzüge, bei denen der Brustbereich farblich besonders hervorgehoben ist – vielleicht ein Trick, um von der restlichen Filmgestaltung abzulenken?

Nicht die Stärke der Mädchen und ihr Zusammenhalt sind das eigentliche Thema dieses Films, wie ein Sprecher am Ende noch glauben machen möchte, es ist die männliche Fantasie ihres sexuellen Erwachens. Bloom, das aufblühende junge Mädchen, zunächst »Only a Girl« (so der Titel eines der Filmsongs, gefolgt von einem Song namens »You Made Me a Woman«), das mit 16 Jahren ihre Kräfte – sprich: ihre erwachende Sexualität entdeckt. Freud hätte seinen Spaß gehabt, bei all den Schwertern, Schlüsseln und Schatullen. Schwerter (es erübrigt sich, diese als Phallossymbole auszuweisen) werden nicht nur bei den verschiedenen Kämpfen wiederholt eingesetzt, die ganze Geschichte um den Kampf gegen die bösen Vorzeit-Hexen, die Verzauberung von Blooms Eltern sowie Verlust und Wiedergewinn des verlorenen Königreichs, ist um ein einzelnes Schwert zentriert, eine besondere Waffe, vom Schwertmeister Hagen für Blooms Vater geschmiedet, das stärkste Schwert von allen. Bloom darf das Schwert des Vaters nicht führen, weil sie sich selbst damit zerstören würde: »Ein König ohne Krone wird einen anderen König eines verlorenen Königreichs retten«, so lautet die Prophezeiung. Und so ist es Blooms Freund Sky vergönnt, in der Welt des Bösen mit ihren spitzen Gesteinen seinen Heldenmut unter Beweis zu stellen – erst aber, nachdem er vom Prinz zum König gemacht wurde, selbst also die Position des Vaters einnimmt. Spricht der Film da womöglich einen so gar nicht kindlichen Zuschauer an? Eine prekäre Vater-Tochter-Relation beschwört sich auch herauf, als der aus seiner Versteinerung erlöste Vater sein mächtiges Schwert schwingt und aus einem Strahl seine Frau erscheint – wieder läßt die Psychoanalyse grüßen. Nicht zuletzt wären da – neben den bereits erwähnten körperlichen Ausprägungen der jungen Highschool-Absolventinnen – ihre überlangen schlanken Beine, die wie zwei Pfeile hochdeuten auf das, was sich unter den winzigen Röcken verbirgt, diesen schmalen Stoffstreifen, welche pausenlos bei Kämpfen, Verwandlungen und Flügen flattern, als würden sie auch gleich davonfliegen.

Fast möchte man dem Film (selbst)reflexives Potential zugestehen, als die böse Welt Obsidia, in der die Feen-Mädchen beinahe zugrunde gehen, beschrieben wird als »der Alptraum, in dem Monster und grauenhafte Kreaturen eingesperrt sind«. In einem Alptraum von übersexualisierten Mädchen, grellen Farben, lieblosen Hintergründen, fehlender Spannungsbögen, möchtegerncooler Sprüche und fader Charaktere mag sich auch so mancher Zuschauer eingesperrt fühlen, zumal die Filmmusik den Eindruck des Gefangenseins noch verstärkt: Ungefähr so abwechslungsreich, als hänge man an einer Aufgabenstellung eines schlechten Adventure-Games fest, während einem die Wiederholung der immergleichen Takte den letzten Funken Verstand austreibt.

Aber das wirklich Erschreckende bekommen nur die armen Seelen zu sehen, die auch in der letzten Filmminute noch nicht die Flucht aus dem Kinosaal ergriffen haben: Man möchte bereits erlöst aufatmen, da deutet sich eine mögliche Fortsetzung dieser kruden Mischung zwischen Sailor Moon und Harry Potter an. Das Böse scheint nicht ausrottbar zu sein. 2008-09-02 12:32

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