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Couscous mit Fisch

La graine et le mulet. F 2007. R,B: Abdel Kechiche. K: Lubomir Bakchev. S: Ghalia Lacroix. P: Pathé Renn Productions, Pathe Films. D: Habib Boufares, Sabrina Ouazani, Farida Benkhetache, Hafsia Herzi u.a.
151 Min. Arsenal ab 28.8.08

Sieg der Sinne

Von Tamar Noort Ein gutes Essen funktioniert über alle Sinne. In den Händen eines versierten Kochs werden simple Zutaten zu geheimnisvollen Glücksträgern, verwandeln sich Gemüse und Fleisch zu Vorboten des Himmelreichs. Die einzigartige Kombination einzelner Elemente schafft für einen flüchtigen Moment den vollkommenen Geschmack.

Die Analogien zwischen Kochkunst und Kino liegen auf der Hand, und fast scheint es, als möchte Abdellatif Kechiche in seinem Film die kurzen Momente des perfekten Geschmacks einfangen. Jene Momente voller Leben, die der Mensch dem Alltag abtrotzt. Ganz gleich, ob das Leben gut schmeckt oder schlecht, Hauptsache, es berührt überhaupt die Sinne. Couscous mit Fisch erzählt eine kleine, unaufgeregte Familiengeschichte – vom stillen Hafenarbeiter Slimane, für den das Leben längst nichts mehr zu bieten hat. Seine fünf Kinder sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Doch wann immer seine Exfrau ihr begnadetes Kochtalent einsetzt, versammelt sie alle ihre Kinder und ihre Familien um sich – und sogar für Slimane fällt ein Teller ab. Am Tisch findet jeder seinen Platz: der Familienclown, die Köchin, die bescheiden das Lob einheimst, die junge Frau, die gerade Diät macht. Das gemeinsame Tafeln wird zur komprimierten Abspielfläche des familiären Zusammenlebens. Jedes Familienmitglied sichert sich seine Position, nicht nur gegenüber den anderen, sondern vor allem gegenüber sich selbst. Nervös springt die Kamera hin und her zwischen den schlemmenden Verwandten – und fängt damit präzise jene Hektik ein, die sich gern bei solchen Familienfesten einschleicht. So fröhlich es am Tisch zugehen mag – subtil schwingen die Scherben mit, die zurückbleiben, wenn eine Familie in ihre Einzelteile zerfällt und nur noch gelegentlich zusammenkommt. Slimane ist alt und am Hafen nicht mehr zu gebrauchen. Deshalb mobilisiert er seine Familie, ein altes Schiff zu einem Restaurant umzubauen – ein Restaurant, das sich auf Couscous mit Fisch spezialisiert. Zusammen mit Rym, der Tochter seiner neuen Lebensgefährtin, klappert er mühevoll alle Instanzen ab, um die nötigen Genehmigungen einzuholen, während seine eigenen Kinder das Boot auf Vordermann bringen.

Der Film zeigt zeitweise nur Momentaufnahmen. Erst wenn die alten Männer, die am Hafen vor den Häusern sitzen, über Slimane und seine neue Lebensgefährtin tratschen, erfahren wir, daß Slimanes neues Projekt bei seiner Liebsten nicht auf Wohlwollen stößt. An anderen Stellen zeichnet Abdellatif Kechiche in allen Farben ein emotionales Panorama seiner Figuren. Slimanes Schwiegertochter Julia etwa schleudert der Kamera derart explosiv ihre Hysterie entgegen, als sie erfährt, daß ihr Mann sie betrügt, daß man am liebsten selbst in Deckung gehen möchte. Kechiche läßt zwischendurch Stationen seiner Geschichte aus, um sich ganz in bestimmte Figurenkonstellationen vertiefen zu können. Nicht der Verlauf der Geschichte ist ihm wichtig, sondern die Konsequenzen, die sich daraus für das Gefühlsleben seiner Figuren ergeben. Ob Slimane das Boot fertigbekommt, ob er die Erlaubnis erhält, das Restaurant zu eröffnen, ist nebensächlich – viel wichtiger ist, wie sich der Alltag der Familie auf die Ereignisse einstellt. Dafür nimmt sich der Regisseur sehr viel Zeit: Sein Film ist zweieinhalb Stunden lang. Doch die dichte Atmosphäre und die authentischen Figuren bilden derart reichhaltige Zutaten, daß Couscous mit Fisch auf der Zunge zergeht. 2008-08-25 11:42

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