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Grace Is Gone

USA 2007. R,B: James C. Strouse. K: Jean-Louis Bompoint. S: Joe Klotz. M: Clint Eastwood. P: New Crime Productions, Plum Pictures. D: John Cusack, Alessandro Nivola, Shélan O'Keefe, Gracie Bednarczyk, Doug Dearth, Nathan Adloff u.a.
85 Min. Central ab 28.8.08

Just Another Day in Paradise

Von Ekaterina Vassilieva Was bringt eine junge Frau, die als großzügig, lebenslustig und humorvoll beschrieben wird, dazu, in den Krieg zu ziehen und den Mann mit zwei Töchtern für eine unbestimmte Zeit allein zurückzulassen? Das scheint dem Film, in dem es um den Umgang mit dem Tod einer US-Soldatin im Irak geht, keiner Nachfrage wert. Krieg wird als eine Naturgewalt hingenommen, und Soldat ist ein Beruf wie jeder andere. Man macht das freilich nicht aus Spaß, aber einen Job wegen des mangelnden Spaßfaktors aufzugeben wäre ja zumindest unseriös. Schließlich tut das der in der Heimat zurückgebliebene Ehemann Stan, der in seinen Arbeitstag als führender Angestellter etwas widerwillig mit vorgeschriebenen Motivationsritualen startet, auch nicht.

Die Anspannung entpuppt sich jedoch bald als permanenter Zustand, denn sowohl beim informellen Treffen der Soldatengattinnen, bei dem er als einziger Mann zugegen ist, als auch zu Hause, wo er die Betreuung der Töchter allein übernimmt, bleibt Stan eigentümlich steif und verschlossen. Der Film bietet dafür auffallend schnell eine ziemlich eindimensionale Erklärung: Die Sorge um die Frau lastet schwer auf seinen Schultern und wird durch die verzweifelten Verdrängungsversuche nur noch verschlimmert, wenn nicht erst erzeugt. Die halbwüchsige Tochter muß sich entschuldigen, im Fernsehen eine Nachrichtensendung über die aktuelle Lage im Irak geschaut zu haben, und bestimmte Themen werden am Familientisch erst gar nicht zugelassen.

Es kommt aber alles noch viel schlimmer, als Stan die Nachricht ereilt, seine Frau Grace sei bei einem Militäreinsatz heldenhaft gefallen. Ein ausführliches Gespräch mit den Todesboten des Pentagon lehnt er ab und versucht bald darauf, das Geschehene nach außen hin unsichtbar zu machen. Vor allem ist er bemüht, den Tod der Mutter vor den Töchtern zu verheimlichen – ein verzweifeltes Unternehmen, das gleich sinn- und aussichtslos zu sein scheint, denn der Moment, in dem der Klartext unvermeidlich wird, rückt immer näher…

Grace Is Gone könnte ein Film über das Grauen der Verdrängung werden, der symptomatisch die Befindlichkeit der ganzen Nation abbildet, die einen nicht in den eigenen Grenzen geführten Krieg als Normalität zu erleben versucht. Immerhin ist mit der Figur von Stans Bruder, der für eine skeptische Einstellung gegenüber der Staatspolitik plädiert, eine explizit kritische Perspektive eingeführt. Der Bruder (dem übrigens vom Drehbuch eine deutlich marginalisierte Stellung in der sozialen Hierarchie zugewiesen wird) ist auch derjenige, der sich über Stans Verheimlichungen empört und vor den Konsequenzen warnt. Aber ironischerweise bleibt die Sympathie der Filmemacher – und die Logik der Handlung – auf der Seite von Stan. Er (re)agiert einfach viel menschlicher, und die Beziehung zu Kindern ist für ihn keine bloße Theorie, wie für seinen Bruder (der sich aufgrund der ungeregelten wirtschaftlichen Verhältnisse ja sowieso keine eigene Familie leisten kann). Sein innerer Fluchtimpuls, der ihn dazu treibt, die nichtsahnenden Töchter zu immer neuen Vergnügungs- und Konsumorten zu bringen, wirkt nur am Anfang etwas peinlich. Zunehmend erhält der Eskapismus lyrische, fast elegische Untertöne und erweist sich schließlich als notwendige Grundlage eines neuen Familiensinns, der sich nach dem Verlust der Mutter einstellen soll. Und so wartet nach dem Auszug aus dem Paradies eines besonders aufwendigen Freizeitparks in Florida nicht etwa die Hölle des Alltags, sondern die erhabene Naturkulisse, die einen würdigen Rahmen für die Aufnahme der Todesnachricht bildet. Man öffnet sich endlich der metaphysischen Dimension des Lebens und Sterbens und versöhnt sich mit der Realität in all ihren Facetten, also auch mit der Kriegsgewalt, die so wenig vor dem Hintergrund des fabelhaften Sonnenunterganges irgendwo in Florida zu bedeuten scheint. Die vielgelobte Musik von Clint Eastwood unterstreicht diese rührselige Botschaft und bringt perfekt die selbstbemitleidende Melancholie zum Ausdruck, die nur eigene Schmerzerfahrungen in den Betrachtungshorizont miteinschließt.

Im Ganzen entpuppt sich der Film selbst als Produkt jener Verdrängungshaltung, die er in seiner Handlung zu problematisieren vorgibt. Denn das Unerträgliche wird durch die sentimental-kitschigen Bilder erträglich gemacht und jeder Hinweis darauf, daß die amerikanischen Soldatinnen und Soldaten im Irak Gewalt nicht nur erleiden, sondern auch zufügen, nach Möglichkeit eliminiert. 2008-08-25 11:34

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