Ein Netter
Von Carsten Happe
Nun gut, das muß man erstmal schlucken: Denken wir uns einen Typen, einen ziemlichen Kotzbrocken und Hallodri, nennen wir ihn Alexander. Mehr schlecht als recht schlägt er sich durchs Leben, allein die Musik ist ihm nicht so scheißegal wie der Selbstmord des Bandkollegen, der den einer Death-Metal-Combo geklauten Bandbus zu Schrott fährt. Teilnahmslos steht unser Alexander vor dem Nichts, kein Geld, keine Freunde, die Metalheads im Nacken, und die Arbeitsagentur vermittelt nur an Behinderte. Für Alexander und den Film steht fest: Last Exit betreute Wohngruppe.
Wer diese überkonstruierte Exposition unbeschadet übersteht, hat entweder eine enorm belastbare Toleranzschwelle oder Alexander bereits ins Herz geschlossen, denn angesichts der Natürlichkeit und Direktheit der behinderten Mitbewohner, für die sich Alexander kurzerhand Epilepsie andichtet, scheint sein Weg vom Saulus zum Paulus vorgezeichnet. Allein der todkranke und misanthropische Rudolph, den Fabian Busch als verzweifelt lebensmüden Harold ohne Maude gibt, dient als Korrektiv zur Gute-Laune-zum-bösen-Schicksal-WG und durchschaut Alexanders billige Scharade sofort.
So politisch unkorrekt es auch sein mag, ein gewisser Behinderten-Voyeurismus läßt sich im dunklen Kinosaal natürlich am leichtesten befriedigen, mit der Leinwand, die die nötige Distanz schafft.
Finnischer Tango macht letztlich keinen Hehl aus dieser Tatsache, auch wenn Produzent Eike Besuden (
Verrückt nach Paris) etwa bei der Besetzung von Nele Winkler, der mit dem Down-Syndrom geborenen Tochter von Angela Winkler, etwas umständlich von »besonderen Darstellern« spricht. Doch die Balance stimmt, das Timing des immer wieder aufblitzenden, lakonischen Humors ebenso, und eigentlich wußten wir von Beginn an: Dieser Alexander ist im Grunde ein richtig Netter.
2008-08-25 11:27