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Räuber Kneißl

D 2008. R: Marcus H. Rosenmüller. B: Karin Michalke, Christian Lerch. K: Stefan Biebl. S: Georg Söring. M: Gerd Baumann. P: Wiedemann & Berg. D: Maximilian Brückner, Maria Furtwängler, Thomas Schmauser, Brigitte Hobmeier, Andreas Giebel u.a.
115 Min. Movienet ab 21.8.08

Woanders is a ned anderst

Von Jakob Stählin Als Martin Luther einen Klassiker des geschriebenen Wortes ins Deutsche übertrug und somit den ersten Bestseller in germanischen Gefilden schuf, legte er, so fixiert man es grob, eine einheitliche Schreibweise fest und trug so einen nicht unbeachtlichen Teil am Siegeszug des Hochdeutschen bei. Durch den sukzessiven Verlust der örtlichen Eigenheiten ist ein derart dialektgeprägter Film wie Räuber Kneißl bereits in naher Zukunft kaum mehr bundesweit denkbar, der Stoff jedoch ist universell und leicht adaptierbar: Ein Ganove aus bescheidenen Verhältnissen liefert sich Gefechte mit der Polizei und gewinnt nebenbei das Herz eines hübschen Mädchens. Der äußerst arbeitswütige Regisseur Marcus H. Rosenmüller legt seinen Fokus jedoch nicht auf die oberflächliche Handlungsessenz der Geschichte, vielmehr widmet er sich ausgiebig den Nuancen dazwischen. Das »Unterm Strich« wird keine Sekunde lang in den Mittelpunkt gerückt, nicht zuletzt, da die meisten Bewohner Bayerns mit der Geschichte, des zur Legende aufgestiegenen Matthias Kneißl, vertraut sind. Gerade in eben diesen Kernpunkten, die jeden halbgaren Skriptautoren zu einem durchschnittlichen Drehbuch hinreißen würden, kann Rosenmüller also nicht überraschen. Da er seine sehr intimen Szenen in marginaler und nicht in epischer Breite anlegt, mag die Szenerie bisweilen zwar etwas an klassisches Bauerntheater erinnern, doch in seiner zeitlosen Bodenständigkeit ist das oberbayrische Wirtshaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts durchaus mit der gefüllten Passauer Nibelungenhalle am politischen Aschermittwoch der Gegenwart zu vergleichen.

Trotz des lokalen Umfelds bleibt die Geschichte vom Kneißl Hias in seiner Unaufdringlichkeit stets universell. Erfreulich altmodisch widmet sich Rosenmüller den Streichen von Matthias und seinem Bruder, die wie die klassischen Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma zwar höchstens für einen Schmunzler gut sind, doch gerade diese, den Film tragende stille Lässigkeit, die sowohl Handlungsführung, Bildkomposition und Schnitt ausgezeichnet markieren, läßt die Schlinge, die sich immer fester um Kneißls Hals legt, für den Zuschauer spürbar werden. Unverhofft wird der kleine Schulschwänzer schleichend zum Wilderer und schließlich zum Mörder – jedoch ohne jede Boshaftigkeit, sondern aus Unverständnis der gesellschaftlichen Dogmen gegenüber, derer er sich durchaus unterworfen hätte, wären ihm seine jugendlichen Unbedachtheiten, die er bei seinem ersten Gefängnisaufenthalt abbüßt, je in Gänze verziehen worden. Schroff und konkret wird dem Gauner seine lasch oktroyierte Rolle nach und nach unwiderruflich auf die Stirn gebrannt. Grobschlächtig pointiertes Geschwätz der Wirtshausgänger stellt bei den Protagonisten durch astreine lokale Mundart eine direkte Verbindung zwischen Bauchgefühl, Hirn und Stimmbändern ein, und diese wunderbare sprachliche Aufrichtigkeit läßt nachvollziehen, weshalb in Bayern nicht selten die Forderung nach Dialektunterricht laut wird.

Das Schauspielerensemble, allen voran Maximilian Brückner, gibt eine entspannte, aufrichtige Vorstellung und verleiht den dargestellten Emotionen eine realistische Größe. Rosenmüller stilisiert Kneißl zum Sinnbild des gebrandmarkten Eigenbrödlers, der aus der ihm zugeordneten Rolle zu entkommen sucht; doch die bayrische Provinz sieht nicht so einfach ab von dem Stempel der Familiengeschichte, und so wird der Kneißl Hias »ganz da Bappa«. Sinnbildlich bleibt letztlich nur noch die angestrebte Flucht nach Amerika als rettendes Ufer für den Verfolgten, als Hoffnung auf Freiheit, doch »woanders is a ned anderst«. Schmerzlich schnell verliert der Lausbub die Freiheiten, die er als Kind genoß, und dank der Profanität im Streben des Gesetzlosen stellt sich ein tiefes Identifikationspotential mit dem Helden ein. Wie der Dialekt im Kleinen die ehrlichsten Tiefen einer Persönlichkeit zu verbalisieren vermag, schafft es die herzliche Herangehensweise Rosenmüllers, im Großen ein Gefühl zu vermitteln, daß eine reflektiertere Produktion nicht hätte gewährleisten können. Die simplen Schauplätze etwa erwecken häufig einen leicht unperfekten Eindruck, als würden mit einem leichten Schwenk eine Unzahl von Anachronismen in Form von Satellitenschüsseln und Stromleitungen preisgegeben werden. Diese Gefahr lief man zwar beim Dreh im Tittlinger Modelldorf nicht, doch auch der dort zelebrierte rustikale Charakter des ländlichen Deutschlands ist ebenso nah und zeitlos wie die zertrampelten Feldwege des oberbayrischen Hinterlandes. Ein Gefühl von Ruhe und Zufriedenheit stellt sich ein, denn in einem Deutschland, in dem heute mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land, erscheint es nicht abwegig, daß die Unberührtheit, die stets ein Konfliktthema des altmodischen Heimatfilms der Nachkriegszeit war, in gewisser Weise unzerstörbar ist. Was Rosenmüllers Film oberhalb des Weißwurstäquators sehenswert macht ist die zelebrierte autarke Zufriedenheit des kleinen »Saubuam« Kneißl, dessen Charakter nicht ortsgebunden ist, der mit verschmitzter Miene die Obrigkeit nicht ganz so ernst nimmt und schlußendlich zeitlos im Hier und Jetzt überall dort zu finden ist, wo viel Lärm um Nichts gemacht wird. Ein kleiner Streich ist eine Sache, halbgare Schlußfolgerungen und böse Unterstellungen eine völlig andere. In dem Sinne: Schleichts eich, losts ma mei Ruah! 2008-08-19 09:58

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