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WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf

Wall·E. USA 2008. R,B: Andrew Stanton. B: Jim Reardon. K: Jeremy Lasky. S: Stephen R. Schaffer. M: Thomas Newman, Peter Gabriel. P: Pixar, Walt Disney.
98 Min. Walt Disney ab 25.9.08

Nummer 5 fegt!

Von Jakob Stählin Was Pixar seit jeher auszeichnet und von seinen Konkurrenzunternehmen abhebt, ist der hohe Grad an Intimität, die der Zuschauer mit den Figuren etablieren kann. Nicht zuletzt ist dies der Reduktion zu verdanken, die den stets sehr comichaften Helden Gefühlsregungen auf das Gesicht zaubert. Realismus ist bei künstlichen Charakteren ohnehin eher hinderlich; man stelle sich Ratatouille mit lebensecht nachempfundenen Ratten vor, die sprechen können und in Küchen herumtollen – plötzlich wäre man wohl eher auf der Seite des wütenden Chefkochs, der den dummen Viechern den Garaus machen möchte. Daß selbst Maschinen Herzen erobern können, zeigt die Filmgeschichte. R2D2 ist putzig, da er eigentlich nichts Menschliches an sich hat, jedoch durch Piep-Laute (und deren Übersetzung durch C3PO) einen schlichten Kern des bezugsnahen Spektrums humaner Emotionen darstellt. Konträr dazu wirken nahezu ebenbürtige Repliken eines Menschen bisweilen unheimlich.

WALL·E, ein kleiner Müllverarbeitungsroboter, ist visuell die etwas possierlichere Variante von Nummer 5 und funktioniert für den Zuschauer durch einfachste Emotionsmerkmale; vor allem durch seine riesigen Metallaugen und kleinen Extremitäten sowie seine unbändige Neugier, die ihn über die karge Welt treibt. Überraschend konsequent haben die Kreativen bei Pixar eine postapokalyptische Erde des 28. Jahrhunderts entworfen, deren Menschen bereits seit 700 Jahren ins Exil entflohen sind, da durch exzessive Übermüllung keine natürliche Vegetation mehr wachsen kann. In meßlattenhebender Animation inszeniert Findet Nemo-Regisseur Andrew Stanton karge, rußige Bilder, die vor stehendem Smog nahezu in nostalgische Sepiatöne verfallen. Der für einen Kinderfilm mutige, im Prinzip dialoglose Prolog nimmt etwa die erste Hälfte des Films ein und führt den Zuschauer langsam an die humanen Züge der emsigen Maschine WALL·E heran. Die unvermeidliche Konfrontation mit den Menschen, die auf einer riesigen Raumstation leben (einer Mischung aus Luxushotel und Einkaufszentrum), sorgt jedoch für die eigentliche Überraschung der Geschichte.

Leichtfüßigkeit ist man von Lasseters Truppe gewohnt, dennoch war diese in vergangenen Pixar-Produktionen im Grunde lediglich eine filmerzählerische Komponente, die einfache, durchaus schöne Botschaften für Kinder treffsicher zu transportieren vermochte; Erwachsene labten sich zusätzlich an der penibel erarbeiteten Perfektion der Animation, der immensen Detailverliebtheit und dem meist fabelhaft pointierten Wort- und Slapstickwitz. In WALL·E hingegen wird auch inhaltlich federleicht mit vergleichsweise großen Themen jongliert: Die fortlaufende Evolution des modernen Menschen, entstehend gerade durch dessen konsekutives Wissen und den einhergehenden Verlust der gedanklichen Wurzeln, sowie die dem Menschen eigene Fähigkeit, seine Umgebung zu nutzen, auszusaugen, zu automatisieren und vor allem zu industrialisieren, wird erschreckend klar kritisiert. Völlig untertänig schweben die zu fetten, larvenartigen Korpussen verkommenen Exilbürger auf Fluggeräten umher, schlürfen Pizza-Shakes durch Strohhalme und werden von Robotern in Position gerückt, um sich nicht selbst nach etwas strecken zu müssen. »Try blue, it’s the new red«, schallt eine konturlose Stimme durch den Lautsprecher, und alle ändern per Knopfdruck ihre T-Shirt-Farbe. Im Kontrast dazu mag zunächst skurril erscheinen, daß komödienhaft gespielte Realsequenzen eingestreut werden, welche die Erdbewohner des 21. Jahrhunderts ablichten. Verdeutlicht wird hiermit jedoch der stattgefundene geistige sowie physische menschliche Entwicklungsprozeß durch den Entzug des natürlichen Lebensraums: der Erde.

Die völlig auf Reflektion und somit auf das den Menschen im Kern auszeichnende Merkmal verzichtende Humanspezies der Zukunft wird außerdem den zwar funktionalen, aber deutlich individuelleren Hilfsrobotern gegenübergestellt. Diese repräsentieren die nächste Entwicklungsstufe der Menschheit, was WALL·E folglich zum letzten Ausläufer der modernen Zivilisation auf der Erde macht, während die tatsächlichen Menschen aufgrund ihrer Dekadenz auf einer lebensfähigen, aber völlig nutzlosen, ja, maschinellen Basis weiterexistieren. Das Streben nach einer Rückkehr auf die Erde ist ein enormer Kampf der menschlichen Maschinen und deren inversen Pendants gegen übermächtige Selbstkontrollmechanismen. Die Bedrohung kulminiert somit nicht aus der auf Maschinen übertragenen Reflektionskraft heraus, sondern aus der selbst verschenkten.

Daß die Idee der aufmüpfigen künstlichen Intelligenz nicht neu ist, wird ungeniert gezeigt, als etwa der Autopilot des Exilschiffes durch eben jenes rote HAL-Auge terrorisiert, welches bereits Dave in Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum nicht an Bord lassen wollte. Überhaupt ist WALL·E gespickt mit Zitaten; von diversen Science Fiction-Filmen wie Blade Runner bis hin zu Pixars eigenen Produktionen. Hoch melancholisch, zum Ende hin kinderfreundlich rasant, gipfelt die Zukunftsvision in einen äußerst sehenswerten Abspann, und beim anschließenden Stühleklappen wird klar: Die Pixar Animation-Studios haben ihren ersten, nicht nur im animationsgeschichtlichen, sondern weitestgehend auch im rein filmischen Kontext, großen Film abgeliefert, der sich zwar zum Finale hin nicht der kompletten Radikalität hingibt, die er zunächst verspricht, doch eine derart laut schallende Ohrfeige wie WALL·E wird den golfkartfahrenden Malljunkies der Staaten zumindest das dick bebutterte Popcorn in der Kehle stecken lassen – sofern die Reflektionseinheit aktiviert ist. 2008-09-21 11:25

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