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Dr. Alemán

D 2008. R,B: Tom Schreiber. B: Oliver Keidel. K: Olaf Hirschberg. S: Andreas Wodraschke. M: Josef Suchy. P: 2Pilots Filmproduction. D: August Diehl, Hernán Méndez, Marleyda Soto, Victor Villegas, Andrés Parra u.a.
106 Min. Zorro ab 14.8.08

Der Finger in der Wunde

Von Oliver Baumgarten Schmatzend bohrt sich die lange Pinzette in das tiefrote, blutende Loch im Leib des Angeschossenen, prokelt umständlich im Fleisch herum und bekommt das Projektil doch nicht zu fassen. Vielleicht sei es besser, sagt die erfahrene Krankenschwester vorsichtig, aber überzeugt zu dem schwitzenden jungen Arzt, die Wunde einfach ein Stück aufzuschneiden. Der junge Arzt stimmt nervös murmelnd zu, tut wie ihm geraten und fischt das Metall endlich erleichtert heraus. Doch die umgehend einsetzende starke Blutung treibt seinen Streßpegel erneut in bedrohliche Höhen, wie sie nur jemand erreicht, dem schlicht die Routine fehlt.

Schon nach wenigen Minuten am Beginn von Tom Schreibers Dr. Alemán erfolgt diese Szene, die durch ihre expliziten Bilder und ihre atmosphärische Dichte große Intensität, Kraft und empathische Reaktionen erzielt. Sie ist starker Tobak, muß es aber auch sein, um nicht nur die Hauptfigur Marc, sondern ganz besonders auch den Zuschauer auf jene Welt vorzubereiten, die sie in den Favelas der kolumbianischen Stadt Cali zu erwarten haben. Es ist eine brillant konstruierte Miniatur, ein Bild, das die gesamte Geschichte des Films vorausschauend zusammenfaßt. Und eine solch geradezu chirurgische Präzision der Dramaturgie gelingt dem Film immer wieder.

Marc nämlich, der in Cali sein praktisches Jahr als Arzt absolvieren möchte, stochert allen Warnungen zum Trotz in naiver Unbefangenheit in den äußerst sensiblen Strukturen der Favela herum, die sich über Jahre hinweg zwischen den Gangs, Drogenhändlern und Bewohnern gebildet haben. Was er aber in dem von Mord und Erpressung geprägten Umfeld durch seine Abenteuerlust, die Liebe zur jungen Wanda und seine anfängliche Arglosigkeit den Gangs gegenüber anrichtet, zieht fatale Folgen nach sich.

Sei es in der Drastik des Gezeigten, in der Konsequenz der Handlung oder der Besetzung von Rollen: Die große Stärke von Dr. Alemán ist seine Kompromißlosigkeit, die er auf allen Ebenen pflegt und mit der er, von einzelnen Ausnahmen wie zum Beispiel dem Gangsterfilm Chiko abgesehen, in Deutschland immer noch eher einsam auf weiter Flur steht. Mit dieser Kompromißlosigkeit einher geht eine Glaubwürdigkeit, die nicht unbedingt selbstverständlich erscheint in Bezug auf einen Film, der sich derart tief in ein für uns komplett fremdes Milieu begibt. Die Grundlage für dieses so geschaffene Vertrauen beim Zuschauer legen ein hervorragendes Drehbuch, eine mutige Inszenierung und ein überzeugendes Ensemble, aus dem neben August Diehl auch die kolumbianische Theaterschauspielerin Marleyda Soto hervorzuheben ist. Gemeinsam gelingt es beiden sehr eindrücklich, die anfängliche Anziehung zwischen den kulturell so unterschiedlich verwurzelten Figuren Wanda und Marc kontinuierlich in unbehagliches Befremden übergehen zu lassen. Es ist eine Fremdheit, die der unterschiedlichen Herkunft geschuldet ist und die damit jene erschreckend tiefe Kluft offenbart, die Westeuropa zwischen sich und dem Rest der Welt ausgehoben hat.

Essentiell für die atmosphärische Spannung des Films ist zweifellos auch die Kameraarbeit von Olaf Hirschberg. Die Bilder des Medienkünstlers und Dokumentaristen atmen den stickigen Mief der Vorstadt, antizipieren jeden Anflug von Gefahr, scheinen begierig die vorgefundene Stimmung aufzusaugen. Der von der Kamera unterstützte Gegensatz von der nervösen Dynamik der Straße und der entspannten Ruhe in den Eigenheimen findet im Schnitt schließlich seine gelungene Zusammenführung. Und so vermag Dr. Alemán die Vorzüge anspruchsvollen Kinos mit der Lust auf visuellen Genuß auf angenehmste Weise zu vereinen. 2008-08-11 11:09

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