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Elegy oder die Kunst zu lieben

Elegy. USA 2008. R: Isabel Coixet. B: Nicholas Meyer. K: Jean-Claude Larrieu. S: Amy E. Duddleston. P: Lakeshore Entertainment. D: Penélope Cruz, Ben Kingsley, Dennis Hopper, Peter Sarsgaard, Patricia Clarkson, Deborah Harry u.a.
108 Min. Tobis ab 14.8.08

Das traurige Lied der Liebe

Von Daniel Bickermann Was Woody Allen der jüdische Intellektuelle mit Medienberuf ist, ist dem ewigen Nobelpreisanwärter Philip Roth der gealterte, sexuell wie politisch revolutionäre Literaturprofessor. Beide werden gerne in die Nähe der Altherrenfantasie gerückt, beide völlig zu unrecht. Im Gegensatz zu seinem hier gezeigten Protagonisten David Kepesh, der zu Beginn des Films als Autor einer Untersuchung über »Die Ursprünge des amerikanischen Hedonismus’« vorgestellt wird, beschäftigt sich Roth eher mit dem Untergang eben dieses Hedonismus’ durch Scheinmoral, Tabus und politische Korrektheit, die das Freiheitsstreben seiner Figuren stets auf absurde Weise sabotieren.

Nicholas Meyer, an dessen Drehbuch es nun wirklich nicht lag, daß die letzte Roth-Verfilmung Der menschliche Makel bis zur Unerträglichkeit verflacht war, findet in Coixet endlich die sensible Regisseurin, die dem traurigen Grandeur Roths gewachsen ist. Coixet bildete sich unter der fördernden Produktion der Almodóvar-Brüder zu einer der wenigen wahrlich eigenständigen Stimmen im europäischen Kino heraus, und mit Elegy oder die Kunst zu lieben trägt sie ihren unverwechselbaren Stil in einen amerikanischen Big-Budget-Film, ohne sich untreu zu werden: Dank ihres Kameramanns Jean-Claude Larrieu bleiben die langsam und elegant schwebenden Bilder ebenso ihr Markenzeichen wie der unaufgeregte, geduldige Erzählrhythmus (hier erstmals unterstützt von den flüssigen, assoziativen Schnitt-Einsprengseln der amerikanischen Editorin Amy E. Duddleston).

Obwohl Coixet die durchaus bewunderswerten Landschaftskompositionen mit wenigen Totalen abhakt und schnell in die Großaufnahmen ihrer Schauspieler geht, wirkt ihr Film dank der getragenen Geschwindigkeit und der klugen Dialoge nie aufdringlich oder eindimensional. Der durchaus streitbaren Coixet wurde in der Vergangenheit ihre sinnliche Ästhetik fälschlicherweise als erzählerische Schwäche vorgeworfen, aber wie schon in Mein Leben ohne mich oder Das geheime Leben der Worte findet die Regisseurin auch hier einen perfekten Tonfall für ihr Sujet.

Wie immer aber stellt die sanfte Führung eines makellosen Schauspielerensembles das Herzstück der Methode Coixet dar: Penélope Cruz und Patricia Clarkson dürfen mutig an die Grenzen ihrer Körperlichkeit gehen und erotische Szenen mit wunderschöner Alltäglichkeit spielen, ohne von der Kamera dabei verraten oder gar überästhetisiert zu werden. Peter Sarsgaard hat für seinen erneut hinreißenden Auftritt ein trauriges Bulldoggengesicht ausgewählt, und Dennis Hopper brilliert als selbsternannter »Horatio« (wohl eher: Lothario) zu Kingsleys grüblerischem Protagonisten. Seine manische Energie grenzt ihn dabei angenehm gegen die anderen, manchmal übermäßig akademischen Figuren ab, deren Diskussionen sich schon mal altklug um »den fleischlichen Aspekt der menschlichen Komödie« drehen. Die schlagfertigen Männergespräche zwischen Hopper und Kingsley gehören zu den Glanzpunkten des Films, aber es ist schön zu sehen, daß Hopper der erotischen Praxis deutlich zugeneigter scheint als der Theorie.

Die getragene Stimmung dieses Films in Moll entsteht, ganz dem Titel verpflichtet, vor allem durch eine stete, tropfende Infusion trauriger Klaviermusik von den üblichen verdächtigen Komponisten (Bach, Beethoven, Vivaldi, Pärt, Richter). In Restaurants, Wohnzimmern, Kneipen: vor der musikalischen Tristesse gibt es kein Entkommen. Sie unterstreicht nicht nur die Todesnähe, die selbst die jugendlichen Figuren hier verspüren, sondern auch den ständigen Kummer über die Unwürde des Alters und die Unmöglichkeit der Liebe unter der Last eigener und fremder Erwartungen. Am Ende finden die Menschen doch nur in der Trauer zueinander.

Mit ihrer einfühlsamen, aber schonungslosen Herangehensweise an Themen wie Begierde, Angst, Lüge und Verantwortung legt ausgerechnet Coixet ein Männermelodram ersten Ranges ab, das weder in Verzweiflung badet noch Hoffnung heuchelt, sondern den Balanceakt auf dem schmalen Grat des romantischen Realismus mit Bravour meistert. 2008-08-11 11:07

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