— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Nanny Diaries

The Nanny Dairies. USA 2006. R,B,S: Robert Pulcini. R,B: Shari Springer Berman. K: Terry Stacey. M: Mark Suozzo. P: The Weinstein Company LLC. D: Scarlett Johansson, Paul Giamatti, Laura Linney, Chris Evans, Donny Murphy, Alicia Keyes u.a.
106 Min. Central ab 14.8.08

Diorama Queen

Von Dietrich Brüggemann Wer ab und zu ins Naturkundemuseum geht, der kennt die Faszination, die ein Diorama auf den Menschen ausübt – ein Stück Realität, akribisch nachgebaut und hinter Glas zur Ewigkeit erstarrt. Man möchte durch das Glas hindurchsteigen und die imaginäre Welt auf der anderen Seite betreten, weil sie so lebendig aussieht und gleichzeitig in ihrer Erstarrung so nostalgisch wirkt. Man kann stundenlang vor solchen Schaukästen stehen, und man spürt dabei die gleiche Art von traumverlorener Sehnsucht, wegen der man auch ins Kino geht – das Interesse am Leben bei gleichzeitiger Abwendung vom selbigen.

Es ist schon fünf Jahre her, daß das Buch »The Nanny Diaries« in Amerika Furore machte. Zwei Studentinnen, die jeweils vier Jahre als Kindermädchen bei stinkreichen Upper-East-Side-Familien gedient hatten, kondensierten ihre Erfahrungen zu einem bösen Roman. Die Kombination aus Günther-Wallraff-Recherche und dem Blick in eine interessante Welt sorgte für einen Hit und öffnete die Tür für eine Reihe ähnliche gelagerter Bücher, zu denen auch »The Devil Wears Prada« gehörte. Klar, daß da auch ein Film nachkommen mußte, der erst jetzt in Deutschland startet, nachdem er in Amerika im vorigen Jahr kein besonderer Erfolg war.

Dabei fängt er vielversprechend an, nämlich mit Scarlett Johansson, zur Abwechslung brünett statt blond. Sie hat im Nebenfach Anthropologie studiert, spaziert mit uns durchs Naturkundemuseum und erklärt uns, daß alle menschlichen Gesellschaften nach bestimmten Regeln funktionieren, die Pygmäen ebenso wie die New Yorker. Diese Szenen, in denen die Welt sich plötzlich in einen Schaukasten verwandelt, sind die besten des Films, denn aus ihnen spricht die Lust am genauen Hinsehen und Zergliedern, die Geschichten wie diese erst interessant macht. Annie oder Nanny, wie sie bald nur noch heißt, kommt frisch von der Uni, verhaut ein Vorstellungsgespräch bei einer Finanzfirma, kollidiert im Central Park mit einem Fünfjährigen und wird Knall auf Fall zum Kindermädchen befördert. Ihr Schützling ist ein verwöhntes kleines Monster, doch Annie kommt bald mit ihm klar. Deutlich schlimmer ist die Mutter, die überkandidelte, psychotische, frustrierte Ms. X, wundervoll gespielt von Laura Linney, die Annies ganzes Leben mit Beschlag belegt. Es gibt einen Regelkatalog, gesunde Ernährung mit viel Tofu, Französischunterricht, nicht zuletzt auch ein allwöchentliches Nanny-Seminar, in dem die gestreßten Society-Mütter die Probleme mit ihren Nannys aufarbeiten. Paul Giamatti legt einige wilde Auftritte hin als fieser Workaholic-Vater, der im Leben seiner Familie kaum auftaucht und daher auch im Film meist außerhalb des Bildes agiert. Und schließlich, das darf in einem Scarlett-Johansson-Film nicht fehlen, gibt es noch einen netten Nachbarn, der unter »Harvard-Hottie« firmiert und auch so aussieht, nämlich wie ein smarter Vollidiot.

Und da wäre das Problem des Films einigermaßen eingekreist. Er will zu viel. Die Szenen, in denen die reiche New Yorker Oberschicht mit Verve in die Pfanne gehauen wird, und das ist immerhin der Hauptstrang, sind großartig. Die Phantasiereisen, die der Film sich erlaubt, sind sehr schön. Die Szenen mit dem Kind sind schon etwas zu zuckrig, die Nebenhandlung mit Annies sorgenvoller, alleinerziehender Middle-Class-Mom, die im entscheidenden Moment rettend eingreift, ist so lala, und bei der Romanze mit Harvard-Hottie ist endgültig der Ofen aus, da rutscht der Film ab und verwandelt sich in eine belanglose Teenie-Schnulze aus der Zeit, als Teenies noch naiv waren. Die Dioramen im Naturkundemuseum, mit denen der Film so vielversprechend anfängt, tauchen leider später kaum mehr auf, stattdessen passiert viel Romanzen-Routine. Die Schärfe, die das Buch schon deshalb hatte, weil man davon ausgehen mußte, daß es sich um echte Personen handelte, geht bei der Übertragung ins Medium Film verloren – nicht nur, weil es jetzt halt eindeutig Fiktion ist, sondern auch weil die Filmemacher insgesamt zu allen Figuren zu nett sind.

Nanny Diaries wurde in gewissen Kreisen mit Spannung erwartet, weil Shari Springer Berman und Robert Pulcini, das Buch/Regie-Duo, zuvor mit American Splendor ein Independent-Meisterwerk hingelegt hatte. Bei ihrem neuen Film waren sie vermutlich in der gleichen Situation wie ihre Hauptfigur: Sie durften bei reichen Leuten auf das Baby aufpassen, aber natürlich durften sie mit ihm nicht machen, was sie wollten. Dafür haben sie sich durchaus gut aus der Affäre gezogen. Man hat ausreichend Spaß. Aber man hat trotzdem in letzter Zeit ähnlich gelagerte Zielgruppenfilme aus der Mitte des Mainstreams gesehen, die entschlossener zur Sache gingen, obwohl kein Regisseur mit Arthouse-Hintergrund am Werk war. 2008-08-11 11:10

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap