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Zurück im Sommer

Fireflies in the Garden. USA 2008. R,B: Dennis Lee. K: Daniel Moder. S: Dede Allen, Robert Brakey. M: Javier Navarrete. P: Senator Entertainment Inc., Kulture Machine. D: Julia Roberts, Ryan Reynolds, Willem Dafoe, Emily Watson, Carrie-Anne Moss, Hayden Panettiere Ioan Gruffudd u.a.
101 Min. Senator ab 7.8.08

Künstliches Kaminfeuer

Von Kyra Scheurer »Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich« lautet der erste Satz von Tolstois »Anna Karenina«. Und nicht nur in der Literatur ist das erzählerische Ausloten der Untiefen familiärer Konflikte ein Klassiker, auch der amerikanische Independent-Film arbeitet sich traditionell an diesem Topos ab. Das ist dann mehr oder weniger berührend, authentisch oder auch unterhaltsam anzusehen. Im Fall von Fireflies in the Garden ist es zunächst verwirrend. Denn wie kommt Julia Roberts in einen Indie-Film und warum sieht sie zwanzig Jahre älter aus, lässt sich auf dem Beifahrersitz von Willem Dafoe runtermachen und stirbt nach zwölf Minuten?

Die erste US-Produktion der deutschen Senator Entertainment krankt zunächst genau daran, am »auf Nummer Sicher Gehen« durch lauter große Namen. Doch dieser Bruch mit den Sehgewohnheiten des Independent-Films geht letztlich auf Kosten der Glaubwürdigkeit, die vergleichbare Genrebeiträge wie etwa Garden State so sehenswert gemacht haben. A propos Genre: Man meint sie zu kennen, die kleinen US-Filme, die alljährlich zwischen Thanksgiving und Weihnachten in die Kinos kommen, in wohlhabenden Vororten spielen und in turbulenten Volten mit Hilfe der guten alten Küchenpsychologie familiäre Konflikte auf dem Weg zum unweigerlich eintretenden Happy End erzählen. Im Plot der nur auf den ersten Blick putzig klingenden »Glühwürmchen im Garten« (benannt nach einem Gedicht von Robert Frost) findet sich neben diesen vertrauten Elementen ein weiterer Dauerbrenner des amerikanischen Kinos, der nach langer Zeit heimkehrende Schriftsteller, der mit seiner Vergangenheit konfrontiert gezwungen wird, Konfliktlösung und Trauerarbeit in Angriff zu nehmen. Denn natürlich handelt das semi-autobiographische Regiedebüt von Autor Dennis Lee von einem Autor, dessen tyrannischer Vater ebenfalls schreibt – Familien, in denen Bücher geschrieben werden, scheinen besonders prädestiniert in Sachen Unglück: »Vater hatte viel Stress in letzter Zeit, aber wo das Buch jetzt fertig ist, wird alles besser!« Jahrzehnte später wechselt der erwachsene Sohn dann nach dem Tod der Mutter vom rosaroten Bestsellerchen zur knallharten Familienenthüllungsstory – und hat immer noch nicht die Courage, seinem Vater diesen Umstand mitzuteilen. Einem Vater, dessen unberechenbare Launen und omnipräsenten Ansprüche die häusliche Temperatur binnen Sekunden auf den Nullpunkt senken können und der eine unterschwellige Atmosphäre der Angst kreiert ohne wirklich böse zu sein. Willem Dafoes unangestrengte Darstellung dieses anstrengenden Despoten gehört zu den absolut sehenswerten Elementen des Films, der insgesamt jedoch eine echte Nähe zu seinen Figuren vermissen lässt und immer wieder an entscheidenden Punkten zu konventionell wird.

Die angedeutete Inzestgeschichte zwischen Protagonist Michael und seiner Tante wirkt in ihrer Dezenz wie nachträglich herausgeschnitten, die Julia Roberts der Rückblenden ist ebenso realitätsfern wie die Idylle eine Margarinenwerbung und irgendwie scheint die gesamte Familie Opfer einer Zeitschleife geworden und aus dem zeitgeschichtlichen Kontext ihrer Gegenwart gefallen zu sein. Passend dazu besteht das visuelle Konzept einer an sich interessanten Geschichte um familiäre Gewalt, Ehebruch und Inzest dann auch in lindgrün und sepiabraun getönten Bildern von Roberts-Ehemann Moder und einem zur leeren visuellen Metapher erstarrten ständigen Regen. Und doch – wer sich für unglückliche Familien interessiert, findet unter der Mainstream-Asche dieser irrlichternden Glühwürmchen auch Einiges an sehenswerter Glut. 2008-08-04 11:27

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