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Die Eisbombe

D 2008. R,B: Oliver Jahn. B: Stéphane Bittoun. K: Julian Atanassov. S: Barbara Gies. M: Eike Hosenfeld, Moritz Denis. P: credofilm. D: Eike Weinreich, Katharina Schüttler, Karoline Eichhorn, Heike Jonca, Michael Schumacher u.a.
97 Min. Neue Visionen ab 7.8.08

Grüner wird’s nicht

Von Jakob Stählin In den USA von Greenpeace-Aktivisten angesprochen zu werden kann ein äußerst amüsantes Unterfangen sein; im besonderen für Mitteleuropäer, vor allem aber wohl für Deutsche, dann kann der »Kraut« nämlich mal so richtig mit seinem Umweltbewußtsein prahlen. Denn, so sieht es manch Bundesbürger gerne, im Land der Dichter und Denker hat sich in schier rasender Geschwindigkeit ein Ökobewußtsein entwickelt, das seinesgleichen sucht, und just hat man den verdutzten Bio-Yankee in seine Schranken verwiesen. Wir haben Dinge gesetzlich geregelt, von denen er noch nie gehört hat: Einigkeit und Recht und Mülltrennung in jedem Haushalt. Außerdem essen wir gesunden Kram mit Bio-Gütesiegel und lassen korpulente Kinder lieber an der Wii zappeln als an der Playstation hocken. Doch natürlich gibt es immer eine Schattenseite, und wie es in der korrektheitsliebenden Republik so üblich ist, werden konkrete Einstellungen hinterfragt. Demokratie bedeutet schließlich nicht zuletzt Kompromiß. Kurzum: Geht dieser vitaminreiche Hokuspokus zu weit? Schränken wir uns durch Nahrungsherkunftskontrollen in unserer persönlichen Freiheit zu sehr ein? Pustekuchen – weder hebt sich der Deutsche per se in seinem Umweltbewußtsein gravierend von irgendwem ab, noch geht diesbezüglich irgendwas zu weit; doch genau auf dieser Prämisse baut der Abschlußfilm des Regiestudenten Oliver Jahn auf. Dieser hatte sich zuletzt mit der ZDF-Miniserie Ijon Tichy: Raumpilot, einer amüsanten Science Fiction-Parodie für Trash-Freunde, einen Namen als Schauspieler und Regisseur gemacht.

Um es gleich vorwegzunehmen: Jahns Kinodebüt Die Eisbombe ist auf klägliche Art und Weise gescheitert. Die bereits im Ansatz verkorkste Geschichte um eine kleinstädtische Familie, die in krudem Wahn dem Ökofieber verfallen ist und somit nicht nur extrem eingeschränkt lebt, sondern auch noch hochgradig paranoide Kinder heranzüchtet, erhebt von der ersten Sekunde an einen Zeigefinger von godzillahafter Größe. Der sicherlich nicht untalentierte Neuling Eike Weinreich tut sich sichtlich schwer, den neurotischen Tom darzustellen, da nichts an seiner Rolle glaubhaft ersonnen wurde; alles ist aufgesetzt: jede Macke, jede Handlung. So kann die von Jahn entworfene Welt voller stereotyper Figuren freilich nur zu lahmen, gestelzten Entwicklungen führen, und so macht sich der eigentlich normale Tom in schemenhaft entwickelten und TV-artig fotographierten Szenen auf, die ihm von seinen Eltern (insbesondere von seiner giftgrünen Mutter) eingeimpften Macken gegen alltägliche Probleme einzutauschen.

Die Szenen, da die sterile Welt der karikierten Familie durch einen unhygienischen Eisbombeneinschlag in ihrem Dach zusammenbricht, führen zu einem großen moralischen Dilemma und zum endgültigen Genickbruch des Films. Urplötzlich wird mit Juso-Weisheit der hanebüchensten Sorte hausiert, wie es bereits in Hans Weingartners Filmen Gang und Gäbe ist. Jahn begibt sich in dieselbe belehrende Position, gibt vor zu wissen, wann der Ökowahn zu weit geht, wann Menschen angebracht agieren, und – Gott sei’s getrommelt – tolerant will Die Eisbombe auch noch sein, denn so die Moral: Ein bißchen Verrücktheit schadet nicht, wenn man sich und andere dabei nicht allzusehr einschränkt. Es wird zum Manifest gegen das Extrem und ein Hoch auf die Durchschnittlichkeit, denn hier wird Kompromiß gepredigt und nicht aus Diskussion erarbeitet.

Von all den angestrebten Zielen, an denen Die Eisbombe meilenweit vorbeischießt, ist am tragischsten jedoch nicht seine biedere und schlicht nichtssagende »Ja zum Leben«-Botschaft, sondern der nicht stattfindende Humor. Denn gerade lustig möchte der Film am angestrengtesten sein. Eine »schwarze Komödie« verspricht Jahn gar im Presseinterview, die den Zuschauer ertappt fühlen machen solle, damit der Enttarnte etwas mit nach Hause nähme. In Szenen, die Spaß machen und gleichzeitig einen kultigen Charakter schaffen sollen, wie etwa die zahllosen Male, da Tom sich nicht unter freiem Himmel bewegen kann, ohne etwas vom »Dreieck von Bermuda« zu singen, fühlt sich der Zuschauer von niederschmetternder Plakativität erschlagen und wird herzlich zum Fremdschämen eingeladen. Zu allem Überdruß verliert sich das Konstrukt zeitweise auch ins Ärgerliche, als etwa Tom in seiner Zivi-Funktion in der Pathologie eine Leiche waschen soll und auf die Frage »Wie ist er denn gestorben?« gesagt bekommt: »Bei einem Motorradunfall – da hat er wenigstens noch Spaß gehabt.« Plumper kann ein Freiheitsgedanke nicht verpackt werden.

Letztlich ist dieser Film ein Mahnmal an alle Filmschaffenden da draußen, die ihren Stoff nicht gut recherchiert haben, und ein inverses Plädoyer dafür, den Finger lediglich dann zu heben, wenn man etwas zu sagen hat. Der in Die Eisbombe angeprangerte Zustand des übertriebenen Ökobewußtseins ist ebensowenig real wie die Figuren und deren Handlungen, und so steht unterm Strich ein Film, der beim Versuch, ein nichtexistentes Problem zu karikieren, scheitert. 2008-08-04 11:24
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