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Küß mich bitte!

Un baiser s'il vous plait. F 2007. R,B: Emmanuel Mouret. K: Laurent Desmet. S: Martin Salomon. P: Angoa-Agicoa, K Films Amerique, Moby Dick Films u.a. D: Virginie Ledoyen, Emmanuel Mouret, Julie Gayet, Michael Cohen, Frédérique Bell u.a.
96 Min. Arsenal ab 7.8.08

Der erste Kontakt

Von Jakob Stählin Das Dreigestirn, bestehend aus Regie, Drehbuch und Hauptrolle, vereint in einer Person, ist eine wunderbare Gelegenheit, kompromißloses Kino zu machen. Emmanuel Mouret ist so ein – wie manch Grantler spöttisch sagen würde – »grad Ausg’lernter«, keiner, der in das Filmgeschäft autodidaktisch hineingewachsen wäre: Der Mann hat Film tatsächlich studiert. Nicht daß dieser Umstand rar wäre, aber selten war es im Werk so klar ersichtlich. Küss mich bitte! ist in seinen stärksten Momenten ein hochgradig konstruiertes Kammerspiel, kühl und karg inszeniert. Das sprichwörtliche Lehrbuch wurde reichlich zurategezogen und natürlich ist dies, entgegen der oft vorherrschenden Negativkonnotation des Schulmäßigen, nur positiv gemeint: Die Kenntnis um Technik und Psychologie des filmischen Erzählens ist schlicht Voraussetzung, um sein Publikum lenken zu können. Wie schon in Changement d’adresse und Venus et fleurs – bei denen Mouret ebenso obengenannte drei Funktionen einnahm – spinnt er in Küss mich bitte! kontinuierlich seine Handlungsfäden, nimmt sich Zeit für die wenigen Figuren und schickt sie von einem Ende der Gefühlswelt zum anderen.

Unruhig und exaltiert gibt Mouret den nach körperlicher Zuneigung gierenden Nicolas, der die sexuellen Barrieren seiner platonischen Freundschaft zu Judith infrage stellt. Man mag sich doch, also weg mit der Prüderie und husch ins Bett. Die Überwindung der anerzogenen Scham, die Offenbarung der eigenen Sehnsucht und sexuellen Lust vor einem Freund ist ein zentraler Punkt des Films, der in langsamen, zunächst fast gelähmten Szenen die Grenzen verwischt. Die Momente des ersten Kontakts, leidenschaftlich gespielt von Mouret und der bezaubernden Virginie Ledoyen, fordern und amüsieren durch ihre überzogen glaubhaften Nuancen. Die Verwirrung der Charaktere in Küss mich bitte! wirft die Frage nach dem tatsächlichen Gefühl auf: Ist eine Partnerschaft nicht per Definition eine innige Freundschaft, die auch physisch funktioniert? Und welchen Stellenwert hat dieses Zwischending »Kuß«, den eine Prostituierte Nicolas verweigert? Die Unbeholfenheit der Figuren im Umgang miteinander wird als gegenseitiger Respekt gezeigt, obgleich das naturgemäß egoistische Handeln des Einzelnen ständig präsent ist. Die verlassene Celine etwa gibt sich als Fatalistin und verweigert sich der Trauer. Einen Schuldigen sucht man vergebens, denn jede Handlung wird durch positive Intention initiiert. Die dennoch herrschende Zaghaftigkeit, die jeder konkreten Aktion anhaftet, läßt einen sehr zärtlichen Blick auf Nicolas und Judith, aber auch deren tatsächliche, betrogene Lebenspartner zu – das Zurücknehmen des eigenen Strebens als jener Funken, der Innigkeit erzeugt.

Passend zum zeitlosen Thema findet Kameramann Desmet matte Bilder, die dezent von klassischen Klavierstücken getragen werden. Die vielen Momenten spannungsgebende Stille läßt den punktgenauen -Dialogen viel Zeit zum Wirken, und so zerlegt Mouret zwischen den Zeilen moderne Liebesbeziehungen in all ihrer Schönheit, aber auch Grausamkeit, schüttelt sie und puzzelt sie wieder zusammen. Das Scheitern wird als Chance definiert, als Möglichkeit zum Neuanfang, und die hierbei zwangsläufig anfallenden Opfer werden ausgiebig dargestellt, ihre Gefühle ernstgenommen. Zur direkten Reflektion trägt ein narrativer Rahmen bei, der leider dazu führt, daß sich die Handlung beim letztendlichen Verknüpfen der beiden Ebenen arg in ihrer Konstruiertheit verliert. Doch die Erzählerin und ihr Zuhörer geben dem geschilderten Gefühlschaos eine versöhnliche Note. Die Zeit hat schließlich noch jede Wunde geheilt.

Nicht zuletzt resultiert aus einem derart emotionsvoyeuristischen Skript klassisches Autorenkino und ruft Erinnerungen an die mittlere Schaffensperiode Woody Allens wach, der sich auf ähnliche, jedoch gesprächigere Weise der Zwischenmenschlichkeit als Thema annahm. Wo leichte, romantische Filme, zu denen Küss mich bitte! zweifellos gehört, meist an der Oberfläche nach Witzen stöbern, geht Mouret ganz tief in den Gefühlskeller und zeigt die Suche nach Zufriedenheit als etwas zwar Tragisches, aber Liebevolles und manchmal gar Komisches. Wenn etwa Judith und Nicolas in ihrer Wohnung dank durch jahrelange Biederkeit zurückgewonnener Hilflosigkeit mit ihren Körpern schamlos dilettieren und farblich dabei so matt und angeglichen zur gesetzten Standardeinrichtung passen, als gehörten sie selbst zum Ikea-Set, schweift der fremdschämende Blick des Betrachters auf das mit Buchattrappen bestückte Bücherregal. 2008-08-04 11:22

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