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Der Mongole

Mongol. D/KZ/RUS/MGL 2007. R,B: Sergej Bodrow. B: Arif Aliew. K: Rogier Stoffers, Sergei Trofimov. S: Zach Staenberg. M: Tuomas Kantelinen. P: Kinofabrika, CTB Film Company, Andreevsky Flag. D: Tadanobu Asano, Honglei Sun, Khulan Chuluun, Amadu Mamadakow, You Er u.a.
115 Min. X Verleih ab 7.8.08

Sauft, Brüder! Rauft, Brüder!

Von Carsten Tritt »Ich werde dir eine gute Frau sein.« – »Ja, ich weiß.« Der Dialogmoment kurz nach der Hochzeit zwischen Borte und Temudjin, dem späteren Dschinghis Khan, ist typisch für die Selbstverständlichkeit, mit der Der Mongole dem Zuschauer seine Version der mongolischen Steppe des zwölften Jahrhunderts nahebringt. Denn der Film beeindruckt vor allem dadurch, daß er, obwohl seine Handlungsspanne mehrere Jahrzehnte und die Entstehung eines Weltreichs umfaßt, eben nicht episch wirkt, sondern immer sehr konkret bei seinen Figuren bleibt.

Bodrov konzentriert sich auf drei Protagonisten, den Titelhelden Termudjin, seine Frau sowie Termudjins Blutsbruder Jamukha, mit dem er sich im Laufe des Films verfeindet, und läßt alles, was für die Entwicklung seiner Figuren nicht zwingend notwendig ist, im Zweifel lieber weg. So beschließt der gerade einem mehrjährigen Gefängnisaufenthalt entflohene Termudjin, völlig alleine loszuziehen und wieder für Ordnung im Mongolenland zu sorgen, um nur einen Filmschnitt später plötzlich als Anführer eines riesigen Heeres zu stehen, welches zuvor nicht einmal angedeutet wurde – ihm gegenüber auf der anderen Seite des Schlachtfelds dann der Blutsbruder mit einer noch gigantischeren Armee, obwohl Jamukha ein paar Filmszenen vorher doch gerade einmal ein paar Reiterhördchen zu befehligen schien. Aber wer braucht schon Erörterungen, wie monate- oder jahrelang eine Truppe aufgebaut wird, wenn es die Dramaturgie nur aufhalten würde?

Nicht, daß es für Der Mongole besonders relevant wäre, aber Bodrov scheint sich in seiner Erzählung weitgehend sogar an historische Überlieferungen gehalten zu haben. Wichtiger ist freilich, daß er es geschafft hat, dies in ein funktionierendes Drehbuch zu packen und mit einer griffigen Inszenierung zu verbinden. Da werden acht Reiter, die zu Beginn des Films den jungen Termudjin überwältigen, mit gleicher Energie in Szene gesetzt wie die CGI-Heere am Ende, und Bodrov gelingt es mit seinen Schauspielern und seinem Kameramann, ein Besäufnis ebenso begeisternd zu inszenieren wie die wenigen Schlachtszenen. Selbst bei seinen Landschaften mit gerne computergeneriertem Himmel verzichtet er auf den schrecklichen Naturalismus, den Hollywoods Special Effects-Gurus uns einbleuen wollen, und komponiert die Bilder auch im romantischen Stil, der den Göttern, die an den Wegen der Protagonisten nicht immer unbeteiligt sind, sowieso besser gefallen dürfte.

Dabei ist Bodrow stets so klug, solche Momente nicht überzuinszenieren. Eines von vielen Beispielen hierfür ist etwa eine Einstellung, in der sich Honglei Sun als Jamukha mit Keanu Reevescher Coolness einen Mantel umwirft – jedem US-Filmemacher hätte es hier in den Fingern gejuckt, die Szene per Zeitlupe zu verzögern und damit überzubetonen. In Der Mongole hingegen bleiben ganz einfach zwei die Figur mitcharakterisierende Sekunden in einem schlüssigen Gesamtkonzept.

Der Mongole ist das große Historienkino geworden, das uns eigentlich Hollywood längst schuldig wäre, auch mit der notwendigen Reduktion aufs Relevante, statt, wie die Amerikaner in jüngster Zeit, den Zuschauer mit unerträglich gedehnten Antik- und Fantasyepen zu quälen. Einer der letzten Sätze Termudjins im Film lautet: »Du bist eine gute Frau, Borte.« So einfach kann Weltgeschichte sein, wenn man sie nur richtig zu inszenieren weiß. 2008-08-04 11:21

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