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Sweet Mud

IL/D 2006. R,B: Dror Shaul. K: Sebastian Edschmid. S: Yitzhak Sehayek. M: Adi Renart. P: Heimatfilm, Sweet Mud Ltd. D: Tomer Steinhof, Ronit Yudkevitz, Henry Garcin, Shai Avivi, Danielle Kitzis, Pini Tabger u.a.
90 Min. W-Film ab 7.8.08

Zusammen ist nicht weniger allein

Von Tamar Noort Es knackt. Es knackt so laut, daß es einem unwillkürlich einen Schauer über den Rücken jagt, auch wenn die Szene ganz harmonisch anmutet. Ein Junge liegt auf dem Rücken und beißt kleine Stückchen aus einem riesigen Lolly. So beginnt Sweet Mud, und wir werden erst am Ende des Films erkennen, welches Ausmaß diese Szene hat. Trotzdem spüren wir sofort die Ernsthaftigkeit des zwölfjährigen Dvir, seinen Kummer, seine Einsamkeit. Mit jedem Knacken starrt Dvir konzentrierter an die Decke, als könnte er sie mit seinen Blicken durchbohren und in den Himmel blicken. Dvirs Kindheit liegt in Scherben, seine Welt bröckelt auseinander wie der bunte Lolly, den er vertilgt.

Manche Filme liebt man von der ersten Sekunde an, und Sweet Mud gehört dazu. Weil ein Film selten so exakt die richtigen Töne trifft und die Leinwand von der ersten bis zur letzten Einstellung durchtränkt ist von der Präsenz dieses Jungen, den wir durch den schwersten Sommer seines Lebens begleiten.

Der Süden Israels, im Sommer 1974. In Dvirs Kibbuz herrscht noch absolute Basisdemokratie: eine große Familie, in der alle gleich sind. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen – aber am Ende immer für die Gemeinschaft, denn der Einzelne zählt nichts ohne das Kollektiv. Dvir soll in diesem Sommer seine Bar Mitzvah ablegen – er soll erwachsen werden. Hat ein Jude die Bar Mitzvah absolviert, ist er vollwertiges Mitglied der religiösen Gemeinschaft. Bei Sweet Mud allerdings bedeutet die Aufnahme in die religiöse Gemeinde eher die Anerkennung der Treue gegenüber dem sozialen Kollektiv.

Die Kinder leben von Geburt an getrennt von den Eltern – lediglich ein paar Stunden jeden Nachmittag darf Dvir mit seiner Mutter verbringen. Er kennt keine andere Gesellschaftsform, keine familiäre Einheit, kein Alleinsein. Trotzdem hat er zu kämpfen in diesem Sommer, in dem er eigentlich endgültig Teil der Gemeinschaft werden sollte. Denn seine Mutter Miri verhält sich nicht kibbuzkonform. Sie leidet unter den strengen Vorgaben der Kommune, widerspricht dem Konsens – und wird in die Psychiatrie abgeschoben. Es muß verrückt sein, wer nicht im Sinne des Gemeinwohls denkt und fühlt. Kibbuzim waren lange Zeit stolz auf ihre sozialistischen, nicht-hierarchischen Ordnungsstrukturen, auf das Prinzip der geteilten Macht.

Das Kollektiv erzieht die Kinder, die Eltern sind ausschließlich zum Lieben da. Doch damit geht unweigerlich eine Entmündigung des Einzelnen einher. Wie schützt man das Individuum, wenn es im Kollektiv keinen Raum findet? Dvir sucht Wege, seiner Mutter zu helfen – und dabei bekommt die Illusion des gemeinschaftlichen Paradieses immer mehr Risse. Sweet Mud wirft die Frage auf, ob das System Kibbuz zum Scheitern verurteilt ist. Hat das Kollektiv am Ende versagt? Ist die sozialistische Idee tot?

Die strengen Regeln und engmaschigen Strukturen sind heute in den 283 in Israel verbliebenen Kibbuzim weitgehend aufgeweicht: Auch Kibbuzim brauchen zum Überleben Geld. Manche bieten ihre Wohnungen Fremden zur Miete an, und ihre Kinderhäuser dienen als kostenpflichtige Betreuungsstätten für den Nachwuchs berufstätiger Eltern. Dvir ringt um das Recht seiner Mutter, ein eigenes Leben führen zu dürfen – er kämpft gegen die Übermacht der Gemeinschaft. Heute hat das Kollektiv in den Kibbuzim eher gegen die Übermacht des Individuums zu kämpfen: Ihnen laufen die jungen Leute davon.

Auch Dvirs Neugierde wächst: Wie sieht die Welt da draußen aus? Ein Wind, gewürzt mit den Düften der Welt, weht durch Dvirs kleinen Kosmos und läßt keinen Stein auf dem anderen. Inmitten der Ruinen seiner Kindheit macht Dvir Bekanntschaft mit einer neuen Erfahrung: dem Alleinsein. Die Einsamkeit schmerzt, sie macht ihn wütend – und sie macht ihn erwachsen.

Sweet Mud zeigt den Sozialismus als überholtes System. Ein Traum, der gegen die Realität keinen Bestand haben kann. Doch das ist nur der übergeordnete Rahmen für eine Geschichte, in der die Tapferkeit eines Zwölfjährigen zu Tränen rührt. Eine wunderbare Geschichte, warm und von Herzen erzählt. 2008-08-04 11:14

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