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Animals in Love

Les animaux amoureux. F 2007. R: Laurent Charbonnier. S: Axelle Malavieille. M: Philip Glass. P: MC4 Productions, France 3 Cinéma, TF1 International, JMH.
85 Min. Universum ab 31.7.08

Balzen und gebalzt werden

Von Daniel Bickermann Ein ätherische Voice Over-Erzählung, die die ersten (und später auch die letzten) fünf Minuten des Films beherrscht, zerstreut durch die Erwähnung des Urknalls und der atomaren Struktur schon mal die vordringlichste Zuschauerfurcht: immerhin kein Kreationisten-Gefasel. Wenn die emphatische weibliche Welterklärungsstimme dann aber plötzlich von einem Planeten redet, der angeblich »in Harmonie vereint« ist, weswegen wir doch bitte alle gemeinsam »frohlocken« mögen, da senken sich die Mundwinkel gleich wieder: Eso-Gefasel!

Trotz teilweise atemberaubender Naturaufnahmen und faszinierender Detailstudien scheitert das Grundkonzept des Films an seiner Naivität: Während in der anfänglichen Absichtserklärung noch behauptet wird, die hier dargestellten Balzrituale besäßen eine unabstreitbare Relevanz für die Zuschauer, da sich der Mensch die hier gezeigten Methoden »seit Jahrtausenden von der Natur abgeschaut« hätte, zeigt der Film ausschließlich die exotischsten und fremdartigsten Gattungen, bevorzugt außerhalb der Säugetierklasse. Daß dies jeden Zuschauer zur Frage führen muß, wann er wohl das letzte Mal an einem Bein vom Ast herunterbaumelte, seine Gliedmaßen auf doppelte Größe aufpumpte und Brunftschreie ausstieß, die klingen wie ein abstürzender C64, ist nur einer der unfreiwillig komischen Nebeneffekte.

Selbst die Musik von Philip Glass, normalerweise Garant für anspruchsvolle Untermalung, widerstrebt diesem Film: Während Glass’ Score in anderen Filmen zwar immer erkennbar bleibt, aber üblicherweise nicht zu Wiederholungen neigt, erinnert seine Musik dieses Mal derart deutlich an seine Arbeit zu Errol Morris’ brillanter Kriegsreflexion The Fog of War, daß man selbst angesichts der idyllischsten Naturaufnahmen von Assoziationen an das Brandbombardement auf Tokio geplagt wird.

Viel gravierender wirken indes die einseitigen Regieentscheidungen Charbonniers: Da die ganze Welt in Harmonie versunken ist, darf natürlich nur Konsenssex gezeigt werden. Von sexueller Gewalt, wie sie bei vielen Tierarten an der Tagesordnung ist, von postkoitalen Tötungsdelikten und vom sprichwörtlich gewordenen Rudelbumsen ist natürlich nichts zu sehen – vermutlich will uns der Filmemacher nicht daran erinnern, daß wir uns auch all das seit Jahrtausenden aus der Natur abgeschaut haben könnten. Auch daß praktisch alle der hier balzenden Tiere in Wirklichkeit polygamer leben als Flavio Briatore in seinen besten Zeiten, scheint dem Film angesichts ihrer hübschen Tänzchen nicht weiter erwähnenswert. Exemplarisch werden die rabiaten und durchaus gefährlichen Geweihkämpfe der Elche bei klassischer Musik zu eleganten Fechtduellen verharmlost. Sogar vor der tatsächlichen Sexdarstellung schreckt der Film dann zurück: Hier scheint man dem Zuschauern plötzlich nicht mehr die eher unappetitlichen oder schlicht unmerklichen Akte der Vögel oder Tintenfische zumuten zu wollen. Statt dessen gibt es eine kurze Einstellung auf ein paar routiniert fummelnde und rammelnde Bonobos, und dann kehren wir wieder zu den hübsch bunten Singvögelchen zurück, wie sie sich ein Nest bauen und eine vermeintliche Familie gründen. Kurz und gut: Michel Houellebecq beispielsweise hätte mit dem gleichen Material eine deutlich interessantere Parabel über Sexualität und Moral montieren können.

»Das wahre Glück ist das Glück der Tiere«, seufzt das Sexmonster Valmont aus Heiner Müllers »Quartett«. In seiner unreflektierten Nachäffung genau dieser Idee liegt der schwerste Denkfehler von Animals in Love: Denn mit der titelgebenden »Liebe« hat all das dargestellte Gebalze, mit Verlaub, nicht das geringste zu tun. Hinter der tierischen Fortpflanzung steckt keine Psychologie, sondern Instinkthandlung, keine Romantik, sondern Wettbewerb, keine Boy-meets-Girl-Dramaturgie, wie sie uns der Film vorgaukeln will, sondern die reine, verzweifelte, animalische Geilheit. Zu all diesen Aspekten kann man stehen, wie man mag, aber totschweigen sollte man sie auf keinen Fall – sie sind in Wahrheit das eigentliche Vermächtnis der Natur an den Menschen. Wie wir damit umgehen, definiert uns als Lebewesen. Der Rest, um nochmals Heiner Müller zu zitieren, ist Verdauung. 2008-07-28 12:04

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