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Selbstgespräche

D 2007. R,B: André Erkau. K: Dirk Morgenstern. S: Oliver Grothoff. M: Dürbeck & Dohmen. P: Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion. D: Johannes Allmayer, Maximilian Brückner, August Zirner, Daniel Drewes, Antje Widdra u.a.
101 Min. Filmlichter ab 31.7.08

Come in and Burn out

Von Sebastian Gosmann »Was ist denn jetzt schon wieder?« Wer kennt sie nicht, diese genervte Frage, die alles noch schlimmer macht zwischen Mann und Frau. Gestellt wird sie gleich zu Anfang vom wunderbaren August Zirner, der mit ungeheurem Spielwitz und exzellentem Timing den tragikomischen Helden Richard Harms mimt. Tagsüber, als Teamleiter eines Kölner Callcenters, ist der erfahrene Kommunikator beseelt von einem – zumindest für den Zuschauer – unwiderstehlichen Sarkasmus; einen Neuling heißt er gern mal willkommen mit den Worten: »Come in and burn out«. Prangte dieser Spruch jedoch als Warnung über seiner Haustür, er würde es vermutlich nicht einmal bemerken. Beinahe blutleer wirkt der Workaholic, wenn er allabendlich die Schwelle seines düsteren Eigenheims übertritt. All seine kommunikativen Qualitäten ruhen derweil im Schreibtisch auf der Arbeit. Und seine Frau hat das Nachsehen.

Der Kontrast zwischen professioneller Maulfertigkeit und privater Redescheu liefert den Nährboden für dieses mit einem vortrefflichen Dialogwitz gesegnete Langfilmdebüt.

Zunächst sorgt der gesunde Authentizitätsanspruch von Autor und Regisseur André Erkau dafür, daß seine von den unterschiedlichsten Alltagssorgen und Nöten geplagten Figuren ein beachtliches Identifikationspotential entfalten. Doch überreizt Erkau das Spiel mit der Fehlbarkeit seiner Protagonisten mitunter in solchem Maß, daß der Zuschauer bald geneigt ist, sich verständnislos abzuwenden. Ein Drahtseilakt, den am Ende nicht alle heil überstanden haben werden.

Das Verhalten der Figuren innerhalb des sterilen Großraumbüros ist geprägt von einer ebensolchen zwischenmenschlichen Kälte, die Nettigkeiten und freundschaftliche Gesten schon im Keim zu ersticken scheint. Die Beziehungen zueinander sind lose und unverbindlich, Kontakt wird nur selten ohne Eigennutz aufgenommen. Damit skizziert Erkau emphatisch die Folgen von kompromißlosem Leistungsdenken und zügelloser Profitgier, als deren Brutstätte in seinem Film das Callcenter fungiert. Daß Günter Wallraff für einen – wenn auch kaum wahrnehmbaren – Gastauftritt gewonnen werden konnte, ist somit nicht weiter verwunderlich. 2008-07-28 12:02

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #51.
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