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Unter Kontrolle

Surveillance. D/USA 2008. R,B: Jennifer Chambers Lynch. B: Kent Harper. K: Peter Wunstorf. S: Daryl K. Davis. M: Todd Bryanton. P: Lago Film. D: Pell James, Julia Ormond, Bill Pullman, French Stewart, Hugh Dillon, Ryan Simpkins, Gill Gayle, Kent Harper u.a.
93 Min. Warner ab 31.7.08

Das Rashomon-Prinzip

Von Esther Buss Die Beobachtung, daß Wahrnehmung subjektiv ist und dadurch unterschiedliche Versionen von Realität produziert werden, ist auch im Kino inzwischen ein Evergreen. Fast scheint es, als sei die Fragmentierung einer Erzählung in multiple Perspektiven zu einer kinematographischen Pflichtübung geworden. Manchmal verbirgt sich hinter dem »Rashomon-Prinzip« jedoch weniger ein kritisches Verständnis von Wirklichkeit als ein unausgegorenes Skript – wenn die Geschichte ein bißchen durcheinandergerät, fällt es nicht so auf.

In Jennifer Lynchs Film um drei Zeugen einer bestialischen Mordserie ist diese Erzähltechnik nicht mehr als ein willkürliches Mittel, um den langen Weg bis zum krachigen Showdown zu überbrücken – eine Maskierung, ebenso wie die unansehnliche, an ein Hautgeschwür erinnernde Tarnung des Serienkillers. Denn zu Rausch und Irrsinn will Lynch eigentlich hin, da hat sie ihren Spaß. Aus »Evidence« wird »Violence« – so ein Wortspiel der zuständigen FBI-Agentin und zudem eine kurze Beschreibung für den Aufbau des Films. Es gibt eine Szene in Unter Kontrolle, die Lynchs Haltung – oder besser gesagt: Lust – sehr treffend zum Ausdruck bringt. Da machen zwei frustrierte und gelangweilte Cops, die sich gerne mit sadistischen Machtspielen die Zeit vertreiben, in der verlassenen Einöde am Rande eines Highways ein paar Schießübungen. Bei jedem Schuß auf eine Blechbüchse schreien sie mit angegeilter Abscheu den Namen einer amerikanischen Verbrecher-Legende heraus: John Wayne Gayce, Jeffrey Dahmer, Charles Manson etc. Jennifer Lynch scheint da voller Begeisterung imaginär mitzuschießen. Man merkt ihr jedenfalls die Erleichterung an, wenn sie beim blutrünstigen Finale ihr selbst kreiertes Killergespann endlich von der Leine lassen kann.

Das gerät ziemlich grobschlächtig (nicht buchstäblich gesprochen), doch möglicherweise sind diese derben Keulen wirksam, um sich gegen die subtile und verstörende Traumästhetik ihres Vaters David Lynch abzugrenzen. Eine kleine, lapidare Szene zumindest bleibt in schöner Erinnerung, denn ihre ausgestellte Harmlosigkeit weist voller Vorfreude auf das sich nähernde Unheil hin: Ein Lastwagen brettert über den Highway, mit einem großen Smiley versehen, daneben die Aufschrift »The grinning grocery«. 2008-07-28 11:59

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #51.

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