Koksen und Kotzen
Von Nils Bothmann
Der erfolgreiche Werbetexter Frédéric Beigbeder veröffentlichte Anfang 2000 seinen Roman »99 francs«, in dem er mit seiner Branche abrechnete. Zwar wurde er dafür bei seiner Agentur gefeuert, das Buch jedoch zum Bestseller. Und da Bestseller quasi bereits ein eingebautes Stammpublikum besitzen, wurde der Roman nun von Jan Kounen mit ein paar Änderungen adaptiert.
Kounens Bildsprache ist sicherlich auch noch das Interessanteste am Film, denn der Regisseur inszeniert
39,90 (so der deutsche Titel des Films) auf extravagante Weise: Ein aus extremer Froschperspektive gefilmter Protagonist, eine Zeichentricksequenz oder eine in zigfacher Ausführung durch den Supermarkt rennende Hauptfigur sind nur einige Beispiele für die visuellen Mätzchen. Jedoch ermüden die dauernden Spielereien nach einer Weile, denn es steckt erschreckend wenig dahinter.
Die als Abrechnung mit der Werbewelt gedachte Geschichte wiederholt nur Platitüden und Klischees, die man aus anderen Mediensatiren kennt: Die Kreativköpfe und Firmenbosse sind dekadent und leicht neben der Spur, Kunden manipulieren sie des schnöden Mammons wegen. Hauptproblem des Films jedoch der Protagonist: Dieser kokst sich die Nasenhöhlen kaputt, gibt seiner Freundin den Laufpaß, als er erfährt, daß sie von ihm schwanger ist – und trotzdem versucht
39,90 dann doch wieder Sympathie für seine Hauptfigur zu heischen. Genau jener Zwiespalt läßt Kounens Film noch weniger funktionieren: Der Protagonist quatscht ständig von seiner Unzufriedenheit mit der Branche, aktive Besserung versucht er allenfalls in den letzten Filmminuten. Allerdings auch nicht wirklich, denn ganz im Zeichen der Postmoderne bietet
39,90 dem Zuschauer die Wahl zwischen zwei Enden: eines bitter, eines gut.
Humoristisch exerzieren bereits die ersten zehn Minuten diverse Körperflüssigkeitswitze durch, die man eher bei
Harold & Kumar als bei einer sich ernstnehmenden Werbesatire erwarten würde. Derartige geschmackliche Ausrutscher halten sich im weiteren Filmverlauf in Grenzen, funktionierende Witze bringt
39,90 aber nur selten zustande. Und selbst diese sind nicht gerade originell, die Leone-Parodie z.B. gab es bei Joe Dantes
The ’burbs schon besser und 14 Jahre früher.
Was bleibt, ist ein furchtbar öder, gnadenlos unkomischer Versuch einer Satire, bei dem allenfalls das Visuelle überzeugt. Doch wie soll ein Angriff auf oberflächliche Blenderei der Werbewelt funktionieren, wenn die blendende Oberfläche von
39,90 das einzig Erträgliche am Film ist?