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Akte X – Jenseits der Wahrheit

The X-Files: I Want to Believe. USA 2008. R,B: Chris Carter. B: Frank Spotnitz. K: Bill Roe. S: Richard A. Harris. P: Ten-Thirteen Production, Twentieth Century Fox Film Corporation. D: David Duchovny, Gillian Anderson, Amanda Peet, Billy Conolly, Mitch Pileggi, Callum Keith Rennie, Xzibit u.a.
105 Min. Fox ab 24.7.08

Zurück in die Zukunft

Von Eva Tüttelmann Als 1993 der Pilot der TV-Serie The X Files ausgestrahlt wurde, ahnte niemand, daß diese Fernsehgeschichte schreiben sollte. Der Plot um zwei FBI-Agenten, die übernatürlichen Phänomenen hinterherjagen und dabei enge Bande knüpfen, faszinierte eine gigantische Menge von Zuschauern. Das Konzept von Serienvater Chris Carter ging vollends auf: Sagenhafte neun Staffeln wurden produziert. The X Files konnte durch einen neuartigen Genremix aus Horror, Mystery und Krimi überzeugen und setzte auch in Bezug auf die der Serie eigene kinoreife Optik neue Maßstäbe in der Serienlandschaft der 1990er Jahre. Doch als David Duchovny mit dem Ende der siebten Staffel die Serie verließ, um von nun an nur noch sporadisch die Figur des Mulder zu spielen und man Scully zwei neue Agenten zur Seite stellte, bewahrheitete sich, was viele schon längst zu wissen geglaubt hatten: Unter dem Verlust der »Mulder-Scully-Dynamik« litt die Serie immens. Sieben Jahre lang hatten Fans verfolgen können, wie neben der eigentlich im Vordergrund stehenden »Ghostbusters«-Handlung die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten wie in Zeitlupe zu etwas Außergewöhnlichem heranwuchs: Ein Kuß auf die Stirn hier, ein Griff nach der Hand des anderen da und viele, viele bändesprechende Blicke kreierten ein Kultpärchen, dessen Intensität und Romantik sich aus Carters überaus geschickt gewählter Aussparungsstrategie speiste. Das Nicht-Zeigen wurde Teil der Philosophie von The X Files.

1998 schaffte es die Serie auf die Kinoleinwand: The X Files: Fight the Future spielte zwischen dem Ende der fünften und dem Anfang der sechsten Staffel und sollte so in die Serienchronologie eingebunden werden. Ergebnis war die filmische Umsetzung einer »epischen Episode«, die selbst Kenner der Serie nicht überzeugen konnte. Als Resultat aus vergangenen Fehlern steht nun The X Files: I Want to Believe für sich und möchte von der Serie losgelöst sein. Auf diese Art und Weise soll der Film auch X Files-Neulingen zugänglich gemacht werden und vielleicht sogar neue Fans ziehen. Doch ist ein solches Vorhaben realistisch und vor allem sinnvoll? Kann ein Kinofilm, dem neun Jahre Seriengeschichte vorangehen, ein Publikum ansprechen, dem eine gravierende Informationsmenge nicht präsent ist?

The X Files: I Want to Believe spielt wieder in und um Vancouver, wo auch schon die ersten fünf Staffeln gedreht worden waren, bevor die Produktion nach Los Angeles umzog. Die düstere Atmosphäre, die das kanadische Setting kennzeichnet, paßte schon immer perfekt zum Konzept, worauf man sich nun rückzubesinnen scheint. Die Agenten Doggett und Reyes, die Scully in den finalen Staffeln begleitet hatten, sind kein Thema mehr, und auch die X-Akten sind es nicht. Sechs Jahre nach dem Ende der TV-Serie ist auch die Handlung des Films zeitlich angesiedelt und erzeugt somit tatsächlich eine bemerkenswerte Distanz zur Vergangenheit. Keine Rückblende verweist auf das Geschehene, die Handlung beginnt in medias res, was ja zunächst einmal positiv für den unbedarften Zuschauer ist. Den FBI-Agenten Dakota Whitney und Mosley Drummy, gespielt von Amanda Peet und Alvin »Xzibit« Joiner, ist ihr kniffliger Fall zu knifflig, und so ersuchen sie Hilfe beim Spezialisten für Übersinnliches: Fox Mulder. Der will nicht ohne Scully, und schon ist der Stein ins Rollen gebracht. Das alte Team, das sich eigentlich zur Ruhe gesetzt hatte, verstrickt sich immer tiefer in den Fall, der auch in Bezug auf ihr Privatleben eine einschneidende Wirkung zeigen soll. Auch ohne Vorwissen ist der Plot schnell zugänglich, Suspense dominiert den Film von der ersten Minute an, und die ausgefeilten Spezialeffekte leisten das Übrige, um den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Nicht ohne Erwähnung darf hier die Kamera von Bill Roe bleiben, die weiterspinnt, was Chris Carters Konzept auszeichnet: Durch den wiederholten Einsatz von Nahen und Halbnahen, dort, wo man eigentlich gern mindestens eine Halbtotale hätte, wird so vieles gezeigt und doch nicht sichtbar, was eine ungeheure Spannung zu erzeugen vermag. Auch intradiegetisch findet diese Idee Ausdruck in Mulders fortwährender Suche nach der »Wahrheit«: Er möchte sehen, aber das Gesamtbild läßt sich nur aus Fragmenten zusammensetzen.

Doch das Unvermeidliche tritt ein, denn der Film wimmelt nur so von Anspielungen auf die Serie und die Charaktereigenschaften ihrer Figuren, die bis in die erste Staffel zurückreichen. Diese sind zwar so geschickt verwendet, daß sie auch Nicht-X-Philen die Logik des Films nicht verwehren werden, jedoch dürften hier viele Kleinigkeiten untergehen und die Handlung so weniger ausgefeilt erscheinen lassen. Man kann hier ohne Vorwissen gute Unterhaltung erfahren, den ganzen Spaß gibt es jedoch nur im Paket mit der Serie. Möglicherweise animiert The X Files: I Want to Believe den einen oder anderen, sich dem Vorangegangenen zuzuwenden, womit Carters Ambitionen nicht gänzlich ungehört blieben. Im Vergleich zum ersten Kinofilm jedoch ist The X Files: I Want to Believe mit Sicherheit das gelungenere Projekt und spinnt eine ausgeklügelte Geschichte weiter, die sich als absolut kinotauglich erweist. Und wenn man schon mal da ist, lohnt es sich, bis zum Ende des Abspanns auszuharren. Ob man dann glauben will oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. 2008-07-22 12:22

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