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Der Mond und andere Liebhaber

D 2008. R,B: Bernd Böhlich. K: Florian Foest. S: Esther Bartz. M: Ritchie Barton, Uwe Hassbecker. P: Mafilm. D: Katharina Thalbach, Fritzi Haberlandt, Birol Ünel, Steffen Scheumann, Andreas Schmidt, Detlev Buck u.a.
101 Min. Neue Visionen ab 24.7.08

Gier nach Glück

Von Marieke Steinhoff »So ’ne kleine Frau / und so ’ne große Lust…«. Als Hanna diese ersten Zeilen bei einem Rockkonzert hört, erkennt sie sich sofort im Songtext wieder, und es dauert nicht lange, bis sie ekstatisch mit der Musik mitgeht. Wenn jemand Lust hat, dann sie: Mit knallrotem Lippenstift auf dem Mund, den Körper immer in Bewegung und die Augen auf der Suche nach Abenteuer repräsentiert Hanna Sinnlichkeit und Neugierde par excellence. Auf der Suche nach dem Mann des Lebens, nach Leidenschaft und Intensität, stolpert sie von einer Katastrophe in die nächste, bis sie in einer einzigen Nacht mit dem Pakistaner Gansar (Birol Ünel in seiner Paraderolle als heißblütiger Exot mit melancholischem Blick) all das erleben darf, was sie sich erträumt hat.

Daß Hanna eine Frau jenseits der fünfzig ist, bleibt das einzig Erstaunliche an Bernd Böhlichs zweiter Kinoarbeit. Zuhauf lassen sich Midlife-Crisis-Filme über gebeutelte Männer ab vierzig aufwärts finden, Frauen wurde sowas bisher nur selten gestattet. Nun aber Hanna, die sich zurecht fragt, »ob das schon alles gewesen sein soll«. Die miefige sächsische Kleinstadt, Jogginghosenträger und Arbeitslosigkeit, wer wollte da nicht flüchten?

Die Art, wie Böhlich Hannas Milieu herausarbeitet, erinnert zuweilen stark an die Handschrift eines Andreas Dresen. Der halbdokumentarische Charakter, erzeugt mithilfe der wackligen, ständig in Bewegung bleibenden Handkamera, improvisiert wirkende Dialoge mit ordentlich Dialekt und voller Schnodderigkeit, der liebevolle und teilweise amüsierte Blick auf die »kleinen Leute«; aber Böhlich fehlt das Talent zum Minimalismus, zum Auserzählen kleiner Episoden. Stattdessen wird alles aufgefahren, was das Drama so hergibt. Bevor Hanna endlich alles hinter sich lassen darf, muß sie mehrmals ihren Job verlieren, dazu den Tod ihrer 17jährigen Tochter verkraften, dem geliebten Mann nach nur einer Nacht Lebewohl sagen, sie überlebt Selbstmordversuche, landet in der Irrenanstalt, verliert ihren Arm – und der Zuschauer ab und zu seine Geduld mit dieser Figur, die blind immer noch tiefer in ihr Unglück läuft.

Katharina Thalbach liefert hier eine atemlose One-Woman-Show und schafft es, alle anderen Darsteller (daneben eine großartige Fritzi Haberlandt und einen tragischkomischen Andreas Schmidt, der für einige der wenigen Lacher sorgt) gegen die Wand zu spielen. Sogar Birol Ünel, ansonsten der Mann fürs Extreme, wirkt neben diesen schauspielerischen Explosionen zahm und beinahe reglos, und man wünscht sich, Frau Thalbach hätte sich ein bißchen was von seiner Zurückhaltung abgeguckt.

Komödiantische Elemente sollen die Tragik der Ereignisse aufbrechen, was ab und zu auch funktioniert, oftmals aber dann wieder in eine skurrile Peinlichkeit abrutscht, die dazu führt, daß man als Zuschauer manche Szenen, in denen sich Protagonistin und Anhang wie Teenager benehmen, am liebsten gar nicht gesehen hätte.

Stark wird Der Mond und andere Liebhaber dann, wenn er sich auf die Gefühlswelt seiner Protagonistin auch visuell einläßt, wenn der dokumentarische Charakter aufgebrochen wird zugunsten von atmosphärischen Aufnahmen, die Raum lassen für eine emotionale Identifikation mit Hannas überbordender Leidenschaft. Besonders schön sind hier die Szenen mit Gansar, die streckenweise in Rhythmik und Intensität an Fatih Akins Gegen die Wand erinnern (und das nicht nur, weil Baba Zula den musikalischen Hintergrund für die orientalische Kochszene liefert, die wie ein direktes Zitat wirkt).

Ein bißchen weniger Pathos und Overacting und aus Der Mond und andere Liebhaber hätte mit seinem großartigen Schauspielerensemble und seiner radikalen Hauptfigur ein gelungener Coming-of-Age-Film für 50jährige werden können. So ist man am Ende des Films aber fast erleichtert, von Hanna und ihren Eskapaden Abschied nehmen zu können. 2008-07-18 11:18

Abdruck

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