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So ist Paris

Paris. F 2008. R,B: Cédric Klapisch. K: Christophe Beaucarne. S: Francine Sandberg. M: Loïc Dury. P: Ce Qui Me Meut Motion Pictures. D: Juliette Binoche, Romain Duris, Fabrice Luchini, Albert Dupontel, François Cluzet, Gilles Lellouche u.a.
129 Min. Prokino ab 17.7.08

Gesichter der Großstadt

Von Marieke Steinhoff Der Blick auf Paris: Straßengewirr, Lärm, Menschen in Bewegung, alles aus der Sicht eines Todgeweihten, der aus dem Fenster blickt und sich Geschichten zu den vorbeieilenden Passanten ausdenkt.

Was verbirgt sich hinter der Anonymität der Großstadt? Wer sind all die Fremden, die einem tagtäglich über den Weg laufen? Das fragt sich Pierre, ehemaliger Moulin-Rouge-Tänzer und aufgrund einer schweren Herzkrankheit neuerdings an sein Zuhause gefesselt. Die Geschichten dieser Passanten zu erzählen übernimmt im folgenden Cédric Klapisch, bekannt geworden durch den besten Erasmus-Werbefilm aller Zeiten, L'Auberge Espagnole, und nun mit So ist Paris angetreten, ein weiteres Mal der neben New York am meisten gefilmten Stadt ein kinematographisches Denkmal zu setzen.

Oder zumindest ihren Einwohnern, denn was folgt, ist ein Querschnitt durch die vielen Gesichter von Paris; wir treffen Marktverkäufer und Models, Architekten und Sozialarbeiter, den Immigranten und die rassistische Bäckersfrau. Im Zentrum dieser lose verbundenen Erzählstränge stehen die Geschwister Pierre (Romain Duris versucht ein bißchen zu angestrengt, sein hübsches Gesicht in Todesahnung zu kleiden) und Elise (wie immer bezaubernd: Juliette Binoche), die durch Pierres Krankheit zusammenrücken und beginnen, das eigene Leben infragezustellen.

Die Begegnung mit dem Tod und das Gefühl von Einsamkeit bilden einen roten Faden in dem Gewirr aus Schicksalen, düstere Themen also, die aber leichtfüßig daherkommen und nur selten aus So ist Paris einen schwermütigen Film machen; Klapisch wählt einen liebevoll-romantischen Blick auf die alltäglichen Tragödien menschlichen Miteinanders und beschließt sein Kaleidoskop mit der tröstlichen Vorstellung, daß die Anonymität der Großstadt überwindbar ist, wenn im Finale die Protagonisten im Kuß oder zumindest im gemeinsamen Tanz zueinanderfinden.

Auch wenn neben diesen berührenden Geschichten immer wieder Aufnahmen typischer Pariser Allgemeinplätze in den Mittelpunkt treten, gelingt es Klapisch nicht, der Stadt ein neues Gesicht zu verleihen, wie es das letzte Mal Jeunet mit seiner Amélie gelungen ist. Dazu leidet So ist Paris an einigen Längen, die daher rühren, daß in 129 Minuten auf narrativer wie auf bildsprachlicher Ebene nichts Neues gezeigt wird. Die Stadtaufnahmen zeichnen sich durch eine MTV-Ästhetik aus, wie wir sie schon in L’auberge espagnole gesehen haben, und die Erfahrung eines zweiten Frühlings im Angesicht des Todes ist auch kein erzählerisches Novum. Dank der größtenteils überzeugenden Schauspieler bleibt So ist Paris trotzdem ein sympathischer Film über die Suche nach dem Glück und über die neu entdeckte Lebenslust, für die es nie zu spät ist. 2008-07-11 11:53

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #51.

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