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Mala Noche

USA 1985. R,B,S,P: Gus Van Sant. K: John J. Campbell. M: Peter Daamaan, Karen Kitchen, Creighton Lindasy. D: Doug Cooeyate, Sam Downey, Nyla McCarthy, Ray Monge u.a.
78 Min. Alamode ab 17.7.08

Bittersweet Beat-Symphony

Von Patrick Hilpisch In seiner Karriere als Filmemacher hat Gus Van Sant immer wieder auf eigenwillige und (bild-)starke literarische Vorlagen zurückgegriffen – sei es James Fogles »Drugstore Cowboy«, Tom Robbins’ »Even Cowgirls Get The Blues«, Joyce Maynards »To Die For« oder die lose Adaption von Shakespeares »Henry IV.« in My Own Private Idaho. Unabhängig von ihren jeweiligen Qualitäten als eigenständige Kunstwerke gelingt Van Sant jedoch in keinem dieser Filme eine solch schlüssige und kongeniale filmische Übersetzung des Ursprungstextes wie in seinem Spielfilmdebüt aus dem Jahr 1985.

Basierend auf den autobiographischen Aufzeichnungen des Portlander Straßenpoeten Walt Curtis erzählt Van Sant in Mala Noche die allererste seiner vielen Geschichten um unerfüllte Leidenschaft, Sehnsüchte und Existenzen am Rande der amerikanischen Gesellschaft. Der Film schildert in Schwarzweiß-Bildern eine Amour fou zwischen dem heruntergekommenen Kiosk-Angestellten Walt (der Erzählinstanz des Films) und zwei illegalen Einwanderern aus Mexiko, den Freunden Johnny und Pepper.

Bereits in der Einstiegssequenz, in der sich Walt unsterblich in den jungen Johnny verliebt, etabliert Van Sant einen Erzählgestus, der in der Kombination von exaltiertem Voice Over, Kamerastrategie und Schnittfrequenz eine passende audiovisuelle Entsprechung zur pulsierenden Beat-Rhetorik Curtis’ darstellt. Der unvermittelte Einstieg in die Handlung und die energetische Inszenierung lassen den nachhaltigen Eindruck, den der Mexikaner bei Walt hinterläßt, nahezu greifbar werden. Das Sprung- und Episodenhafte der sich anschließenden Story zollt dem intuitiven und rohen Stil der Beat-Vorlage dann ebenso Tribut wie mehrfach eingesetzte assoziative Bild-Ton-Montagen, die etwa in Sexszenen oder während einer Autofahrt genutzt werden. Der Low-Budget-Independent-Zugang zu diesem Stoff – der Film wurde für 25.000 Dollar von Van Sant eigenproduziert – erweist sich hier nicht als notwendiges Übel, sondern als der einzig adäquate. Das verwahrloste, das rhythmische und das euphorische Element der Beat-Prosa – all dies vermögen Van Sant und sein Kameramann John Campbell meisterhaft mit einfachen Mitteln zu »orchestrieren«.

In Mala Noche legt Van Sant typische Themen und Motive seiner späteren Werke an. Vor allem sein Blick für ein authentisches Umfeld, das damit verbundene Interesse für Outsider und die Darstellung sozialer Themen, die in Amerika allzu gerne aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt werden, sind hier allgegenwärtig. Das drückt sich nicht nur in den zentralen Themen »offen gelebte Homosexualität« und »Schicksal illegaler Einwanderer« aus – in dieser Hinsicht kommt dem Film eine bedeutende Rolle sowohl für das »Gay Cinema« als auch für das »Hispano-American Cinema« zu – sondern auch in kleinen, scheinbar beiläufigen Einstellungen und Episoden, die die Figuren und das Leben im Skid Row (einem heruntergekommenen Stadtviertel) beleuchten.

Van Sant, der in seinen späteren Filmen wie Elephant oder Last Days zu einem »kalten« Darstellungsgestus à la Kubrick neigt, versteht es, das Ausmaß an Elend und Ausbeutung, das sich hier quasi auf dem untersten Level gesellschaftlichen Daseins abspielt, differenziert und ohne allzu große Stereotypisierung darzustellen. Ihm gelingt ein intimes Porträt getriebener Skid-Row-Existenzen, das er mit bittersüßem Humor und viel Gespür für aussagekräftige Bilder und Posen zu inszenieren weiß. In diesem Mikrokosmos in den Straßen von Portland, Oregon, treffen die Ohnmacht der Liebe und die Macht der Begierde auf die Ohnmacht der Armut und die Macht des Geldes. Die Frage nach moralischer Verantwortung kann da eigentlich nur rhetorischer Natur sein – oder auch nicht, da scheint sich der zwischen Libido und Ratio gefangene Walt selbst nicht ganz sicher.

Bei dem ganzen Potential an Ironie und Komik, das sich in Walts ungeschickten Annäherungsversuchen, seiner Selbsterniedrigung aus Leidenschaft und den kleinen Machtspielchen, die das Objekt seiner Begierde mit ihm spielt, ausdrückt, bewahrt Mala Noche eben jenen Grad an (süßer) Bitterkeit, der auch viele von Gus Van Sants späteren Filme durchzieht und diese zu aussagekräftigen Kommentaren auf gesellschaftliche und kulturelle Schieflagen werden läßt. 2008-07-11 11:53

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