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Red Road

GB/DK 2006. R,B: Andrea Arnold. K: Robbie Ryan. S: Nicolas Chaudeurge. P: Sigma Films, Zentropa Entertainment. D: Andrew Armour, Martin Compston, Tony Curran, Kate Dickie, Nathalie Press u.a.
114 Min. Fugu ab 17.7.08

It’s tear time

Von Christian Lailach Vor zwei Jahren saßt du etwas begeistert irritiert im Festivalsessel und starrtest zu »Love Will Tear Us Apart« auf den Abspann. Heute stehst du am Gemüse und fühlst dich bei der Wahl der richtigen Pampelmuse ein wenig beobachtet. Dann kaufst du halt eine Mango.

Läuft etwa deshalb Red Road erst mit knapp zwei Jahren Verspätung in den deutschen Kinos? Mußten hier erst die Aufregung über den Watchin' Brother abklingen und öffentliche Plätze medial erfolgreich erschlossen sein?

Jackie sitzt bei »City Eye« vor der Monitorwand und zoomt sich in aller Alltag. Sie wirkt sympathisch, läßt sich nach der Arbeit von ihrem Kollegen am Feldrand im Auto ficken. Sie sieht ein Mädchen – um die zwanzig – am Straßenrand kauern, informiert vorsorglich die nächste Streife. Zwei Typen gesellen sich zu ihr, einer hockt sich neben sie, der andere folgt einer Frau um die nächste Ecke. Jackie begleitet das Pärchen über die Monitore ins Dunkel. Sie greift zum Telefon; bricht den Notruf ab, als die Frau scheinbar keinen Widerstand leistet. Die eine Hand führt den Joystick näher, mit der anderen streift sie ihr Bein, immer fester, tiefer; das Paar genießt den Moment. Jackie steuert die Kamera auf das Gesicht Clydes, wühlt daheim in alten Zeitungen, rafft heimlich alte Kassetten in ihre Tasche. Die Beziehung zwischen ihr und ihm bleibt offen, wenngleich sie diese immer weiter intensiviert. Ob sie das, was fortan geschieht, geplant hat oder immer wieder aufs Neue, im Affekt entscheidet, wird unwichtig und Red Road entläßt über einen in jedem anderen Film als etwas zu ambitioniert geltenden Schluß den Betrachter in ein Gefühl voll entsetzlicher Nähe.

Arnolds zeigt dabei mit ihrem Erstling immer alles nur in der Tiefe, in der wiederum seine Protagonistin das Geschehene wahrnimmt. Dabei sind es nicht nur die britisch-dänische Kooperation, die nordische klare Verkapptheit, die auch das Dreigespann des von Trier-Olesen-Fly-Zentropas ein wenig durchblicken läßt; die einem Erstling gebührenden, noch unbekannten, eindringlichen Gesichter Dickies oder Currans, die Hunde tätscheln wie explizit Sex vollziehen. Ryans Kamera ist nicht minder diejenige, die den schleppenden Autofokus eines in irrealer Ferne installierten Kamerasystems auf die fühlbare Realität transformiert.

Daß Red Road, der diese Tatsache zwar durchaus zentral, doch letztlich nur real nutzt, in einem Mini-Verleih erscheint, führt deutsche Verspätungsüberlegungen dann glücklicher wie tragischer Weise wieder ad absurdum. Es bleibt in beiden Fällen, den »Fugus« zu danken. 2008-07-21 11:33
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