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Der unglaubliche Hulk

The Incredible Hulk. USA 2008. R: Louis Leterrier. B: Zak Penn, Edward Norton. K: Peter Menzies Jr. S: John Wright. M: Craig Armstrong. P: Marvel Enterprises, Universal Pictures ua. D: Edward Norton, Liv Tyler, Tim Roth, William Hurt, Tim Blake Nelson, Christina Cabot, Robert Downey Jr., Ty Burrell u.a.
123 Min. Concorde ab 10.7.08

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Von Jakob Stählin Diese absolut schnörkellose Allegorie »Hulk«, die lediglich zuschlägt wenn sie angegriffen und in die Enge getrieben wird, die personifizierte im Mensch steckende Rage, die beim Ausbruch zu unreflektiertem Handeln führt, ergibt eine tolle Figur, der jedoch schwer beizukommen ist. Ang Lee hatte sich vor fünf Jahren bereits daran versucht und ist bei den Fans gnadenlos gescheitert. Die neuen Marvel Studios, die vor ein paar Monaten mit Iron Man einen recht originellen Einstand feiern konnten, haben sich nun selbst ihres grünen Sprosses angenommen, um ihn fantauglicher zu präsentieren. Doch bei mit hoher Erwartungshaltung gestraften Filmen stirbt die Hoffnung unsprichwörtlich leider häufig zuerst.

Der hektisch geschnittene, Fincheresk verschwenderische Vorspann macht im Prinzip schon alles klar: In einer erstaunlich uninspirierten Montage sieht der Zuschauer Hollywoods Vorzeigehühnerbrust Edward Norton in seiner Rolle als Wissenschaftler Bruce Banner auf einem futuristisch aussehenden Laborstuhl liegen, dann passiert irgendwas Radioaktives. Transporter-Regisseur Leterrier kommt direkt zum Punkt, und nach etwa zwei Minuten kann der Neustart des Hulk-Franchise ohne Action-Stolpersteine wie etwa Handlung oder Figurenentwicklung loslegen. Dazu hatte ja ohnehin Ang Lee schon alles gesagt. Doch nun soll alles anders werden. Inkonsistent, wie die Comicvorlagen und deren zahlreiche anderweitige Umsetzungen selbst waren, ist die im Vorspann dargestellte Mutationsursache nicht dieselbe wie im letzten Film, und Hulks Eigenschaften variieren ebenso. Trotzdem konnte es sich das neue Team nicht verkneifen, irgendwie doch an den vermeintlichen Vorgänger anzuknüpfen, und so findet sich Bruce Banner wie zuletzt im Exil in Südamerika wieder. Was dann kommt, läßt sich kurz und knapp beschreiben: Er wird gejagt, er wird grün. Das Ganze ein paar Mal, dann ist Schluß. Die Krawallszenen zeichnen sich durch professionelles CGI, einen etwas undifferenzierten, übermächtigen Ton sowie eine Kameraarbeit aus, die als zeitgemäß bezeichnet werden kann, da die innovativen Vorbilder, wie etwa die Bourne-Filme oder 24 sehr stilvoll kopiert wurden.

Abgesehen von der schlicht nicht stattfindenden Figurenentwicklung zeigt der Film auch kein Herz für seine mutierten Hauptdarsteller, indem ihnen durch inflationäre Auftrittdichte jegliches Spektakel geraubt wird. Getreu dem Motto »Mehr ist mehr« wird dem Zuschauer unermüdliche Kondition sowie eine perfide Gier nach budgetverschleißenden Materialschlachten unterstellt. Dieses substanzlose Geballer wäre nicht halb so ärgerlich, hätte der Stoff nichts zu bieten, aber das hat er; doch Leterriers Hulk überrollt den Zuschauer mit Zuständen, deren Ursachen nicht zu greifen sind. Insofern ist es wenig überraschend, daß sowohl Edward Norton als auch Tim Roth absolut kein Gefühl in ihr Spiel legen, denn die Flut an reinen Effektpassagen läßt zeitweise gar die karg skizzierten Figuren komplett vergessen. Es bleibt unheimlich viel Potential, das unausgeschöpft im Einheitsbrei der Blockbusterkonventionen versiegt: Da wäre der Mensch Banner, der an seiner Unkontrollierbarkeit verzweifelt und nach vermeintlicher Normalität strebt, oder der machtbesessene Soldat Blonsky, der sich den Wahn zu Nutze machen will. Schließlich natürlich Betty Ross, die Liebende und Geliebte, die nicht nur wie gewöhnlich auf kognitivem Wege die zwei, »ach!« in Bruces' Brust wohnenden Seelen kennenlernen durfte, und so wächst im Zuschauer der Wunsch heran, einen stilleren, charakterstudierenden Hulk-Film zu sehen. Letztlich muß man sich eingestehen, daß Ang Lee diesen bereits gedreht hat – jedoch bedarf es ironischerweise dieses desaströsen Neustarts, um sich dessen bewußt zu werden. 2008-07-07 12:03

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