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Jugend ohne Jugend

Youth Without Youth. USA 2007. R,B: Francis Ford Coppola. B: Wendy Doninger. K: Mihai Malaimara. S: Walter Murch. M: Osvaldo Golijov. P: American Zoetrope u.a. D: Tim Roth, Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara, Marcel Iures, André Hennicke, Alexandra Pirici, Adrian Pintea, Florian Piersic Jr., Zoltan Butuc u.a.
124 Min. Sony Pictures ab 10.7.08

Alte Männer bringen’s nicht

Von Martin Thomson In dem Schaffen von Francis Ford Coppola muß die Phase, in der er mit gleich vier Filmen in Folge, nämlich mit The Conversation, The Godfather, The Godfather: Part II und Apocalypse Now Meisterwerke abzuliefern wußte, als so etwas wie seine schöpferische Pubertät begriffen werden. In der Pubertät entwickelt sich den vorgegebenen Normen gegenüber eine grundlegende Skepsis während die in der körperlichen Transformation gelegenen Veränderungen dafür sorgen, daß die eigenen ästhetischen Reize hinterfragt um je nach Aussicht auf Erfolg beim Gegenüber zum Einsatz gebracht werden zu können. Coppola zog in den 1970er-Jahren seine kreative Energie aus dem Umstand die vorgegebenen ästhetischen und ökonomischen Normen des alten Hollywood-Systems umstürzen zu wollen um bei Ausrichtung der Reize, die aus seinem ästhetischen Verständnis immerhin eben genannte Filme zum Vorschein brachten, eine letztlich fatale Selbstwahrnehmung zu generieren.

Coppola hat sich von dieser falschen Verortung seiner Reize niemals mehr erholen können. Was der Regisseur nach seiner schöpferischen Pubertät hervorbrachte war immer von mäßigen bis schlechten Filmen gekennzeichnet; was ihm in der öffentlichen Wahrnehmung den Ruf einbrachte als am schwersten gescheiterter Regisseur seiner Ägide zu gelten.

Für Vertreter des modernen, durchaus als eigensinnig zu bezeichnenden unabhängigen amerikanischen Kinos wie Roman und Sofia Coppola, Wes Anderson oder Spike Jonze, die mit dem ehrwürdigen Italoamerikaner allesamt verwand- oder freundschaftlich verbunden sind, verkörpert Coppola jedoch trotz seines wiederholten Scheiterns nach wie vor die Schlüsselfigur eines Mythos der vom Widerstand gegen das Hollywood-Establishment handelt, dessen Ziel es war das amerikanische Autorenkino im kommerziellen Bereich als feste Größe zu etablieren – ein Leitbild, von dem nicht nur seine Nachzügler zehren, sondern vor allem auch sein Mythenträger selbst. Anders ließe sich nämlich auch nicht Jugend ohne Jugend erklären, der sich getrost als gescheitertes Alterswerk ansehen läßt.

An Filmen von in die Jahre gekommenen Regisseuren läßt sich gemeinhin zweierlei Tendenz ablesen: Entweder sie besinnen sich auf ihre alten Tage auf eine puristische Inszenierungsweise, deren reizvolles Unterscheidungsmerkmal zum Kino der jungen Filmgarde darin besteht, daß sie ihre infernalisch zum Einsatz gebrachten technischen Spielereien als überhaupt nicht nötig ausweisen um eine genauso, in vielen Fällen gar spannendere Geschichte zu erzählen oder aber sie versteigen sich in der Illusion, ihr gealtertes Wesen, das sich zwangsläufig in ihre Filme einschreibt, ließe sich verleugnen oder wie – in Jugend ohne Jugend zutage tritt – mit jugendhafter Experimentierfreude vereinen.

Dabei liest sich die Grundidee um einen Greis, der aufgrund einer Radikalverjüngung durch einen Blitzschlag seiner einst gescheiterten Jugendliebe in unterschiedlichen Inkarnationen innerhalb einer mehrere Jahrzehnte umfassenden Odysee wieder begegnet durchaus interessant. Bedauerlichweise hat Coppola die phantastischen Elemente der Romanvorlage von Mircea Eliade jedoch so sehr zum Zentrum seines Films gemacht, daß ein unverhüllter Blick auf die darin enthaltene Liebesgeschichte kaum möglich ist; wer sich etwa Darren Aronofskys ebenfalls nicht gerade an Symbolkraft armen The Fountain anschaut, wird bemerken, daß seine Tiefe und Glaubwürdigkeit gerade aus jenen Szenen herrührt, in denen sich mit unverstelltem Blick auf die Beziehung der Liebenden eingelassen wurde. In Jugend ohne Jugend erweisen sich die Charaktere jedoch als Opfer falscher Prioritätensetzung: Die an Plakativität kaum zu überbietenden, ungelenk zwischen peinlicher Prätentiosität und esoterisch gefärbtem Historismus schwankenden Bilder, die Coppola aufbietet, haben den Anschein als würden sie überdecken wollen, daß hier weder gewußt wurde was, noch wie es eigentlich zum Ausdruck gebracht werden sollte. Es stellt sich der Eindruck ein, hier wolle ein vermeintlich altersweiser Mann all seine in den letzten Jahrzehnten gesammelten, rein intellektuell begriffenen Erkenntnisse über das menschliche Wesen in eine Geschichte überführen, deren tragische Fallhöhe sich gerade durch jenen kopflastigen Bezug nur als ein kurzfristiges Stolpern erweisen kann. Coppola hat nicht nur vermieden seine Pubertät zu überwinden. Zwischen ihr und seinem Eintritt ins Pensionärsalter scheint er nicht mal erwachsen geworden zu sein. 2008-07-04 11:33

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