— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Tapas Mixtas

E 2007. R,S: R. Robles Rafatel. R,B: Jose Mari Goenaga, Daniel Sanchez Arevalo, Oskar Santos. R: David Martin de los Santos, Juan Pablo Etcheverry. B: Belén Sánchez, Javier S. Donate. K: Manuel González Coleta, Aitor Mantxola, Enrique Otero, Daniel Patiño, Javier Agirre, Ernesto Santos, Josu Incháustegui. S: Irlandia Tambascio, Enara Goikoetxea, Iñigo Salaberria M: Juanito Martínez, Igor Stravinsky, Pascal Gaigne, Rumboamago, Fernando Velázquez. D: Araceli Campos, Juanma Lara, Terele Pávez, José Luis García Pérez, Belén López, Ramón Agirre, Marivi Bilbao, Blanca Portillo, Carmen Arévalo, Héctor Colomé, Antonio de la Torre, Dritan Biba u.a.
90 Min. W-Film ab 3.7.08

Da bin ich

Von Martin Thomson Jacques Lacan hat die menschliche Begierde einst mit der sogenannten »Spiegelbegegnung« beschrieben; nach dieser Theorie resultiert aus der ersten Begegnung zwischen Mensch und Spiegel eine auf ewig wirksame Entfremdung des eigenen Ichs; denn das Menschenjunge zwischen dem 13. und 16. Lebensmonat weiß nicht, was es da in seinem verkehrten Gegenüber erkennt, diese Kluft kann letztlich nur behoben werden, indem es sich zur Mutter umwendet, die ihm seine Ganzheit bestätigt. Aus dem Wegfallen der mütterlichen Instanz entsteht im Prozeß des Heranwachsens erst die Begierde, deren Problematik dann offenbar wird, wenn ihre Verkörperung, nach der wir uns im Augenblick unserer Selbstauflösung umschauen, verschwindet oder sich als nicht-adäquat erweist, um die Distanz zwischen Selbstbetrachtung und der Bestätigung des fremd Entgegenstehenden zu überwinden.

Die Selbstkonstitution im Prozeß seiner Kontinuierung, das Versprechen im Spiegel zu bleiben, ist an eine große Verantwortung geknüpft, und sie läßt sich nur schwerlich mit einer liberalen Lebens- und Beziehungsgestaltung vereinen, welche Freiheit mit Unabhängigkeit gleichsetzt, statt sie aus Bindungen zu begreifen. Vielleicht liegt aber auch in dieser Problematik eine große Kompetenzmöglichkeit verborgen; vielleicht schenkt sie uns die Möglichkeit, unsere Verantwortung keinen gesellschaftlich definierten Begrifflichkeiten von Sittsamkeit und Treue unterzuordnen, sondern sie einzig an unserer Bereitwilligkeit, sie mit Ehrlichkeit anzufüllen, zu messen und auszuformulieren.

Tapas Mixtas versammelt sechs in Spanien entstandene Beiträge, die sich sowohl auf formaler als auch inhaltlicher Ebene mal mehr oder minder direkt der schwer zu bewältigenden Frage nach Liebe, Begierde und Verantwortung stellen. In Domicilio Habitual stirbt die Hauptfigur bereits zu Beginn an ihrer Begierde; unter dem lautstarken Stöhnen einer offenbar nicht gerade mit mangelnder sexueller Freizügigkeit geizenden Dame, erleidet der beim sexuellen Akt im Chefsessel seines Großraumbüros positionierte alte Mann einen Herzinfarkt. Der einmalige Tod dieser Personifikation eines Ausbunds an Klischees über hochsituierte Vorgesetzte jedoch scheint angesichts seiner moralischen Verdorbenheit nicht ausreichend, denn gleichsam wird er anschließend, trotz seines Ablebens, vom betrogenen Geschäftspartner erdrosselt, vom entlassenen Angestellten erstochen, von der verbitterten Ehefrau erschossen und von der belogenen Geliebten vergiftet. R. Robles Rafatals’ Beitrag bedient sich dabei freizügig einer farbüberfrachteten Comic-Ästhetik in schnellen Schnitten und um Überdrehtheit und Verzerrung bemühter Vorspulorgien. Kein besonders tiefsinniger, dafür aber freimütig vergnüglich-absurder Beitrag.

Ernsthafter geht es im besten der sechs zusammengestellten Beiträge zu: Llévame a otro sitio von David Martín de los Santos. Aus der simplen Ausgangssituation eines Ehepaars, das sich auf einer Autofahrt durch die Wüste anschweigt, macht der Regisseur ein fast unerträgliches Gefühlsschlachthaus um Treue und Mißtrauen. Erst indem die Ehefrau ein vom Mann zu Beginn noch mit Skepsis beäugtes Rollenspiel initiiert, in dem beide so tun, als wären sie sich noch nie im Leben begegnet, treten die totgeschwiegenen Untreuen der beiden zutage. Hier sind zwei, die einander kaputtgeliebt und anscheinend keinerlei Möglichkeiten zu finden versucht haben, darüber zu sprechen. Eine Beziehung, erstickt in verbalem Unvermögen. Die Gesichter, meist in quälend langen Großaufnahmen festgehalten als Trümmerfelder zerschellter Hoffnungen; hier schmerzt jede Minute Schweigen, jedes gesprochene Wort, von seiner hinausgezögerten Unausgesprochenheit zu unüberbrückbarer Größe mutiert, noch mehr.

Auch Picasso, dessen Lebensgestaltung nicht gerade von Respekt gegenüber den Objekten seiner Begierde geprägt war, darf in Tapas Mixtas nicht fehlen. In dem fantasievollen und mit großer Sorgfalt und Detailtreue inszenierten Animationsfilm Minotauromaquia von Juan Pablo Etcheverry findet sich der zu Weltruhm gelangte Maler im Labyrinth des Minotaurus wieder; dem Mischwesen mit Stierkopf und menschlichem Körper kann sich der Maler jedoch mithilfe seines Malinstruments erwehren. Wenn das eingangs erwähnte, fremd Entgegenstehende zur Vervollständigung des Eigenen dient, scheint hier eine wirksame Waffe aufgezeigt, um sie in ein Verstehen zurückzuholen: die Kunst.

Der in fahlgrauen Farben gefilmte Kriminalfilm Tercero B von José Mari Goenaga hingegen stellt eine blasierte Mittvierzigerin in den Mittelpunkt eines Geschehens, das in Folge schwer entwirrbarer Mißverständnisse mörderische Konsequenzen nachsichzieht. Vor dem Hintergrund einer dazu passenden, an Bernard Hermanns Psycho-Soundtrack angelehnten Filmmusik spielt Goenaga geschickt wie Hitchcock auf der Klaviatur von Zuschauerwartungen; vergißt aber trotz seines pointenreichen Vexierspiels nicht das Porträt einer von der Mutter zermarterten, von Komplexen gezeichneten alleinstehenden Frau zu entwerfen.

Humoristische Abkühlung von diesem düstren Beitrag verschafft wiederum Daniel Sanchez Arevalos’ Profilaxis; eine im Stile eines Aufklärungsfilms inszenierte Komödie über die gesundheitlichen Vorteile analer Masturbation. Doch ganz gleich, wie erquicklich sich Profilaxis nach dem pessimistischen Tercero B anschauen läßt, im Grunde zeigt Arevalo mit seinem Kurzfilm nur die bittere Realität eines vom Alltag gefrusteten und in die einsame Selbstbefriedigung geflüchteten Durchschnittsmenschen auf.

Der letzte Beitrag von Oscar Santos, der den Titel El Sonádor trägt, handelt von einem wohlhabenden jungen Mann, der von einer rätselhaften Schlafkrankheit befallen scheint, die es ihm jedoch ermöglicht, mit seiner verstorbenen Frau in einer futuristischen Umgebung glücklich zu sein. Der Arzt, der ihn von dieser Krankheit heilen soll, unterläßt es jedoch unter großem Zweifel, ihm diesen Quell seines inneren Friedens wieder zu nehmen. Er betrachtet seine Erkrankung eher als eine Möglichkeit, die er in Folge des Verlustes seiner Tochter nie hatte. El Sonádor ist vielleicht grenzenlos kitschig in seiner utopisch anmutenden Auffassung von Liebe, aber macht innerhalb der Zusammenstellung der Kurzfilme und als letzter der sechs Beiträge Sinn. Es bedarf vielleicht dieser darin geäußerten illusionären Auffassung von Ewigkeit, um den Glauben nicht zu verlieren, sich nach dem Blick in den Spiegel wieder umzuschauen und zu merken: Da ist jemand. Da bin ich. 2008-07-01 11:23
© 2012, Schnitt Online

Sitemap