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After Effect

D 2007. R,B: Stephan Geene. K: Volker Sattel. S: Bettina Blickwede. P: Preview Production. D: Sabine Timoteo, Annika Blendl, Lennie Burmeister, Esther Buss, Lars Eidinger Andreas Köss, Marion Mentrup, Michael Sideris u.a.
75 Min. Arsenal Experimental ab 3.7.08

Alles schweigt, und alles spricht

Von Sascha Ormanns Am Anfang fotographiert die Kamera Tiere, keine echten, Werbefiguren. Es geht um »Carl Celler Culture« – eine Marketing-/Werbeagentur in Berlin: immer mit einem Blick auf das Budget (englische Aussprache beachten). Was genau vonstatten geht, ist unklar, bleibt vage. Werbestrategien, Kampagnen, Logos – irgendetwas soll entwickelt werden – einzige Vorgabe: Es soll etwas mit Tieren zu tun haben. Als Werbefiguren scheinen sie die Philosophien der verschiedensten Firmen am besten zu kommunizieren, »wie der Puma in Puma«, er steht beispielsweise für Schnelligkeit, negative Eigenschaften werden eher ausgeblendet. Die Fixierung auf diese Ikonen zieht sich allgegenwärtig durch den gesamten Film, auch menschliche Models werden mit Tiermasken – in den extremeren Situationen gar mit abgezogener Hühnerhaut – versehen, um dem Animalischen Ausdruck zu verleihen.

After Effect ist Stephan Geenes Langfilm-Debüt, das sich die Einordnung in die Kategorie »Experimentalfilm« verdient hat. Der Regisseur und Drehbuchautor bricht mit üblichen Konventionen und beweist Mut zur Lücke oder eher zu klaffenden Löchern. Auf Handlungsaufbau oder Figurenzeichnung verzichtet der Film quasi komplett: Die Szenen sind antiklimaktisch, ein Witz ohne Pointe. Überhaupt ist es für den Zuschauer schwierig, sich zu orientieren, der Handlung zu folgen. Stephan Geenes gelingt es mit After Effect, zu verwirren (eine Absicht, die durchaus unterstellt werden kann), auch weil die Protagonisten Beschlossenes unvermittelt wieder zurücknehmen: ohne Erklärung. Und dennoch – oder gerade deswegen – erzeugt der Film Spannung, man möchte die Motivation finden und interpretiert sie doch selbst hinein.

Verwirrung spiegelt sich auch in der Visualisierung wider: Kamerafahrten, deren Ablauf man bei mehrmaliger Betrachtung immer noch nicht versteht, paaren sich mit der Ablichtung surrealer Räume, die riesig erscheinen und dabei eine unglaubliche Leere ausdrücken, jedoch sowohl mit einer perfekten Ausleuchtung als auch passend untypischer Farbgebung daherkommen. Auch Zimmer werden – von den Protagonisten – animalisiert, in ihrer Vorstellung vibrieren diese und haben lederartige Haut, die mit »Brand-Tätowierungen« versehen wird. Bedeutungen sind laut Sabine Timoteos Figur zwar das Material, mit dem die Kreativen im CCC arbeiten, doch für After Effect unwichtig.

Zur allgemeinen Verstörtheit gesellt sich dann auch noch die Filmmusik, die zwar für die gezeigten Bilder nicht passend erscheint, sich aber doch konsequent in den Film einzufügen versteht: »Schmetterling / kommt nach Haus / Kleiner Bär / kommt nach Haus / Kabeljau / schwimmt nach Haus / Die Lampen leuchten / Der Tag ist aus«, klingt da beispielsweise von der Tonspur. Wenn letztlich der Kinovorhang geschlossen ist und alle Fragen offen, geht auch das Publikum nach Haus, spürt die Nachwirkungen, die After Effect hinterläßt, und stellt fest, daß es einen mutigen und konsequenten deutschen Film gesehen hat. Und die Bedeutung / kommt zu Haus. 2008-07-03 11:49
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