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Auge in Auge

D 2008. R,B: Michael Althen, Hans Helmut Prinzler. K: Matthias Benzing. S: Tobias Streck. M: Robert Papst, Christian Birawsky. P: Preview Production.
106 Min. Preview ab 3.7.08

Rendezvous mit dem deutschen Film

Von Oliver Baumgarten Den deutschen Film zu lieben ist eine nicht eben populäre Eigenschaft. Zwar ist der deutsche Film zur Zeit überaus präsent im In- und Ausland, und auch an einzelnen Zuschauererfolgen mangelt es nicht. Aber echte Zuneigung, geschweige denn eine irgendwie geartete Identifikation mit dem heimischen Kino: Das würden dann doch die wenigsten von sich behaupten, zu oft sind sie in der Vergangenheit enttäuscht worden und zu sehr mittlerweile beeinflußt von Kinematographien anderer Länder.

Zu jenen gehört Hans Helmut Prinzler freilich nicht. Unermüdlich widmet der ehemalige Leiter der Stiftung Deutsche Kinemathek seit Jahrzehnten seine Arbeit dem deutschen Film, und auch der Publizist Michael Althen zeigt von jeher eine offene, wenn auch ambivalente Schwäche fürs deutsche Kino. Gemeinsam erzählen sie mit Auge in Auge nun eine sehr vielseitige und bunte deutsche Filmgeschichte und haben sich prominente Hilfe gesucht von zehn der verdientesten Filmkreativen des Landes, die jeweils Pate für einen Lieblingsfilm stehen. Christian Petzold etwa erklärt, warum er Helmut Käutners Unter den Brücken für einen Desertionsfilm hält, Dominik Graf schwärmt über den Dokumentarismus in Klaus Lemkes Rocker, während Andreas Dresen die Inszenierung von Konrad Wolfs Solo für Sunny preist – die wunderbar subjektiven Beschreibungen und Analysen der Zehn zeugen von liebevoller Beobachtungsgabe und feinem Gespür. Auch die Filmauswahl ist in der Mischung hervorragend getroffen – lustig vor allem, daß Michael Ballhaus sich als Lieblingsfilm Die Ehe der Maria Braun ausgesucht hat, den er ja höchstselbst fotographiert hat. Vielleicht mußte er ja auch, weil keiner der anderen Lust hatte, einen Fassbinder-Film zu nehmen? Wie auch immer: Die Wahl der Lieblingsfilme und damit auch der gezeigten Ausschnitte ist, wenn auch nicht immer überraschend, so doch durchgehend spannend.

Diese zehn Blöcke mit persönlichen Lieblingsfilmen werden ergänzt durch zahlreiche kleine Montageinseln, Zusammenschnitte von haufenweise Filmsequenzen aus der deutschen Kinogeschichte, jeweils gebündelt zu einem Oberthema und begleitet von entsprechend dramatischer Filmmusik und sehr inspirierten essayistischen Offtexten, die Michael Althen selbst einspricht. Diese temporeichen Bilderparcours durch Unvergeßliches und Ungesehenes transportieren ein schönes Selbstverständnis des deutschen Kinos, das man sonst nur aus den Hollywood-Einspielern etwa bei der Oscarverleihung kennt. Wie ein visueller Dialog zwischen Filmgenerationen montieren die Filmemacher Schnipsel vom Wintergartenprogramm bis zu Das Leben der Anderen.

Einziges formales Manko des ansonsten überzeugenden und überaus inspirierenden Auge in Auge ist die sehr schematische Abfolge der einzelnen dramaturgischen Elemente. Wie ein Schaschlikspieß reiht sich ein Lieblingsfilm-Kapitel an eine Montagestrecke, dann an ein buntes Namedropping, bestehend aus von den Interviewten genannten Titeln und Namen des deutschen Films, das dann mit der Nennung jener Person endet, die im darauf folgenden Kapitel den Lieblingsfilm gedreht hat usw. Das dergestalt etwas streng wirkende dramaturgische Korsett vermag die Freude an diesem Rendezvous mit dem deutschen Film aber nicht wirklich zu trüben, das hoffentlich dafür sorgen wird, daß der eine oder andere wieder einmal einen Flirt mit ihm wagt. Verdient hätte er es jedenfalls. 2008-06-27 16:18
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