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Rückkehr in die Normandie – Retour en Normandie

Retour en Normandie. F 2006. R,B,K,S: Nicolas Philibert. K: Katell Dijan. S: Thaddée Bertrand. M: Yolande Decarsin. P: Les Films d'Ici, Maïa Films.
113 Min. Ventura ab 26.6.08

Auf der Suche nach der vergangenen Zeit

Von Lena Serov In »Die helle Kammer« versucht Roland Barthes der Fotographie auf die Spur zu kommen, ihrem Wesen, ihrer Besonderheit. Barthes nähert sich der Fotographie von einer subjektiven, sehr persönlichen Perspektive: die Bilder seiner Mutter sind Ausgangs- und Fluchtpunkt seiner Analyse. So wird das Nachdenken über die Besonderheiten des Mediums ein Nachspüren des eigenen Sehens, des eigenen Wahrnehmens. Ein Buch über die Fotographie, die Mutter, die Unvergänglichkeit des Dagewesenen im Bild. Einen ähnlichen Ausgangspunkt nimmt das Filmprojekt Nicolas Philiberts, der sich auf die Recherche nach einem Film und dessen Darstellern begibt, bei dem er vor dreißig Jahren assistierte. Beim Sichten des ungeschnittenen Filmmaterials entdeckt er die Szene, die später herausgenommen wurde und in der sein bereits verstorbener Vater in der Rolle eines Justizbeamten zu sehen ist. Einzig die stumme Präsenz ist geblieben: das bewegte Bild, ohne Ton.

»Der Ursprung dieses Films liegt in einem anderen.« Philibert kehrt nun an den Ort zurück, an dem er bei der Entstehung des Films Moi, Pierre Rivière ayant égorgé ma mére, ma soeur et mon frére des Regisseurs René Allio mitwirkte. Dieser Film handelt von dem authentischen Mordfall, der sich in einer kleinen Ortschaft in der Normandie zugetragen hatte und den Michel Foucault in einem Buch rekonstruierte. Einige Anwohner der Normandie hatten sich bereit erklärt, als Laiendarsteller mitzuwirken. Foucault bekam ebenfalls eine Szene, die jedoch auch dem Schnitt zum Opfer fiel. Philibert rollt nun seine Erfahrungen des damaligen Films von neuem auf und läßt daraus einen neuen Film entstehen. Dabei greift er nicht nur Szenen, sondern auch Themen des Spielfilms aus dem Jahr 1976 kursorisch auf: die Arbeit der Landbewohner, die nun durch maschinelle Technik verändert worden ist, das Leben und den Alltag in der Natur. Scheinbar ohne Telos begegnet der Film den Laiendarstellern und läßt sie von sich und ihrem Abenteuer Film erzählen und in ihren Alltag einführen – die Erinnerungen an die Zeit sind noch sehr gegenwärtig und haben sie zum Teil ihr Leben lang begleitet. Der Film ist auch eine Suche nach dem Hauptdarsteller, Claude Hébert, der damals Pierre Rivière verkörperte, denn seine Spuren scheinen sich verlaufen zu haben. Am Ende steht ein Wiedersehen der Akteure, distanziert und doch herzlich.

Der persönliche Off-Kommentar des Regisseurs ist immer wieder Leitfaden durch die Erzählung. Eigene Erinnerungen vermischen sich mit denen der anderen, die Darstellung historischer Zeugnisse mit Szenen des Spielfilms. Philiberts Archiv-Recherchen werden genauso zum Bestandteil wie die Bilder des Gefängnisses, in dem sich Pierre Rivière nach seiner Verurteilung vor etwa 150 Jahren erhängte. So entsteht eine filmische Collage, die unterschiedliche Texte, Bilder und Geschichtsebenen zusammenbringt und sie zu einer kollektiven Erinnerung der Beteiligten gerinnen läßt. So wie die kognitive Leistung des Erinnerns keine vollkommene Erfassung des Erinnerten darstellt, ist der Film ein ständiges Umkreisen, Annähern und Entfernen. 2008-06-23 12:32
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