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XXY

E/F/RA 2007. R,B: Lucía Puenzo. K: Natasha Braier. S: Alejandro Zito, Hugo Primero. M: Andres Goldstein, Daniel Tarrab. P: Historias Cinematograficas Cinemania. D: Ricardo Darín, Valeria Bertuccelli, Germán Palacios, Carolina Pelleritti, Martín Piroyansky, Inés Efron, Guillermo Angelelli, César Troncoso, Jean Pierre Reguerraz, Ailín Salas u.a.
88 Min. Kool ab 26.6.08

Zwischen den Stühlen

Von Sebastian Gosmann Links oder rechts, schwarz oder weiß, alt oder jung – der Mensch hat es gern unkompliziert. So sind ihm dichotome Einteilungen die liebsten: Zwei Zustände, die sich gegenseitig und damit eine dritte Möglichkeit – ein Sowohl-als-auch – ausschließen.

Das in Lucía Puenzos Regiedebüt behandelte Phänomen der Intersexualität bringt eine Ordnung ins Wanken, deren Unumstößlichkeit sich der Mensch seit jeher gewiß sein konnte: der – je nach Glaubensrichtung – gottgegebenen oder evolutionär bedingten Dichotomie der Geschlechter. Was sich nicht klar zuordnen läßt, sich einer eindeutigen Klassifizierung entzieht, verunsichert ihn zutiefst. Mann oder Frau, dazwischen gibt es nichts, denn das Dazwischen macht Angst.

Seit fünfzehn Jahren lebt die kleine Familie im Ausnahmezustand. So alt ist das Kind: Alex. Seine Eltern haben sich bewußt für diesen Namen entschieden, denn es ist ein neutraler Name. Einer, der das Geschlecht seines Trägers nicht preisgibt. Ein Name, der nicht festlegt. Und genau darum ging es Kraken und Suli, als sie sich bei Alex’ Geburt gegen die so genannte »normalisierende Operation« entschieden, welche die Ärzte anzuraten pflegen bei einer Diagnose des seltenen »Androgenitalen Syndroms«, einer angeborenen Hormonerkrankung, deren Folgen bei Mädchen – neben dem verminderten Wachstum der Brüste – die Ausbildung einer übergroßen, penisähnlichen Klitoris ist, wobei das innere Organ eindeutig weiblich ist. Nach einem geschlechtsangleichenden chirurgischen Eingriff gibt es kein Zurück mehr; ob Mann, ob Frau ist damit unwiderruflich bestimmt. Wo die Natur sich unschlüssig ist, vollendet der Mensch kurzerhand ihr Werk. Mit unabsehbaren Folgen für den Lebensweg desjenigen, der sich diesem Akt der Verstümmelung nicht zu erwehren fähig ist.

Das Haus an der Küste Uruguays sollte Schutz bieten vor dem Geschwätz der Leute, sollte der Ort sein, an dem Alex in aller Ruhe und zu gegebener Zeit die Entscheidung selbst treffen sollte. Doch am Beginn von Lucía Puenzos Film stehen Bilder eines verschüchterten, mißtrauischen Wesens, das sich den Blicken der ankommenden Gäste bewußt entzieht. Bald wird klar, daß Alex’ Geheimnis auch hier nicht für ewig bewahrt werden konnte. Ihr Verlangen nach Körperlichkeit hat es offenbart, der Junge aus dem Dorf konnte seinen Mund nicht halten. Wenig später fallen seine pubertierenden Freunde über Alex her, zunächst spielerisch, dann brutal, nur um die geweckte Neugier zu befriedigen. Eine Demütigung, die sie nur schwer zu verkraften vermag. Zu einer Anzeige kann Kraken sich nicht durchringen; eine behördliche Ahndung des Vorfalls würden den Unmut der Dorfbewohner nur noch verstärken.

Der Regisseurin und Drehbuchautorin gelingt es fabelhaft, die vielfältigen, mit Alex’ Andersartigkeit verbundenen Probleme für den Zuschauer nachvollziehbar zu machen, interessiert sich jedoch besonders für die individuelle Notlage ihrer Hauptfigur, deren sexuelle Orientierungslosigkeit sich in einem befremdlich machohaften Verhalten gegenüber dem gleichaltrigen Alvaro niederschlägt. Eine Begegnung, aus der Alex letztlich Kraft schöpfen kann für den bevorstehenden Kampf um die Durchsetzung ihres eigenen, zuvor undenkbar erscheinenden Wunsches.

Die schauspielerische Leistung der 24jährigen Inés Efron ist schlicht beeindruckend. In ihrer Darstellung der Alex vereinigt sich deren (weibliche) Empfindsamkeit mit der ihr eigenen (typisch männlichen) Ruppigkeit zu einer hochkomplexen Figur, die gar das Potenzial hätte, den ganzen Film zu tragen, was aber – angesichts der durch die Bank glänzenden Besetzung – gar nicht gefordert ist.

Auf außerordentlich eindringliche und einfühlsame Weise erzählt Puenzo von der ungeheuren emotionalen Last, welche die nicht mehr länger aufschiebbare Entscheidung für oder gegen die Operation für Alex bedeutet – und findet dafür immer wieder geradezu poetische Bilder, deren Kraft sich vor allem aus der rauen, unwirtlichen Natur der uruguayischen Küste speist und in denen die widrigen Umstände, denen die zierliche Protagonistin unterworfen ist, ihren Ausdruck finden. Mit ihrem vielschichtigen Werk ist der Argentinierin ein kleines, kraftstrotzendes Plädoyer für das so genannte »dritte Geschlecht« gelungen, das noch lange nachwirkt. 2008-06-23 12:34

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