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Ich will da sein – Jenny Gröllmann

D 2008. R,B,P: Petra Weisenburger. K: Thomas Mauch, Martin Gressmann, Wojciech Szepel, Max Zaher, Petra Weisenburger. S,M: Klaus-Peter Schmitt.
95 Min. defa-spektrum ab 19.6.08

Ein Leben im Konjunktiv

Von Mark Stöhr Was wäre gewesen, wenn? Ein Leben findet immer auch im Konjunktiv statt. Im Fall der Schauspielerin Jenny Gröllmann ganz besonders. Was wäre gewesen, wenn sie nicht einen Großteil ihrer Jahre in den eng gesteckten und unüberwindbaren Grenzen der DDR verbracht hätte? Wäre sie ein Schauspielstar an der Seite nationaler wie internationaler Regiegrößen geworden? Was wäre gewesen, wenn sie im Ostberliner Maxim Gorki Theater, zu dessen festem Ensemble sie 26 Jahre lang gehörte, die großen Rollen in den großen Inszenierungen renommierter Theatermacher bekommen hätte? Wäre sie eine gefeierte Bühnendiva geworden, der das Publikum zu Füßen gelegen hätte? Was wäre gewesen, wenn?

Jenny Gröllmann war in der DDR eine populäre Person. Von Stars sprach man im Staat der vermeintlich Gleichen unter Gleichen nur ungern. Sie war ein Publikumsliebling, dem man auf der Straße hinterherschaute, bekannt vor allem durchs Fernsehen, wo sie in etlichen Folgen der Krimiserie »Polizeiruf 110« mitspielte. Oft war sie das Opfer oder die Ehefrau des Opfers, eine gebrochene, tragische Figur. Ihr authentisches, facettenreiches Spiel hob sie aus dem Mittelmaß der typischen Fernsehmimen heraus und verschaffte ihr auch Rollen in großen DEFA-Produktionen, die über die DDR hinausstrahlten. In Dein unbekannter Bruder (1981) von Ulrich Weiß etwa oder in der Hölderlin-Biographie Die Hälfte des Lebens (1984), wo sie an der Seite ihres späteren Ehemanns Ulrich Mühe spielte. Nach der Wende dann der Karriereknick wie bei so vielen ehemaligen DDR-Schauspielern. Doch die Gröllmann rappelte sich hoch und machte sich auch im Westen als Anwältin Isenthal in der Serie Liebling Kreuzberg bekannt. Die ganz große Leinwand blieb ihr aber versagt. Im August 2006 starb sie an Krebs.

Die Dokumentarfilmerin Petra Weisenburger hat Jenny Gröllmann ein Denkmal gesetzt. Die beiden waren über viele Jahre miteinander befreundet. 2004, als Jenny Gröllmann die Diagnose bekam, sie habe nur noch wenige Monate zu leben, entschloß sich Weisenburger zu dem Film. Ohne Geld zunächst und mit der Unterstützung von Freunden wie dem Kameramann Thomas Mauch oder dem Tonmann Klaus-Peter Schmitt. Herausgekommen ist ein Künstlerporträt und zugleich eine Liebeserklärung an eine Freundin. Die Grenzen verschwimmen, es wird keine Distanz behauptet, wo schlichtweg keine Distanz möglich ist. Aus den befürchteten wenigen Monaten wurden zwei Jahre. Von Gröllmanns Erkrankung ist nur wenig zu spüren, sie lacht viel, tauscht mit alten Weggefährten wie Uwe Kokisch oder Jaecki Schwarz Erinnerungen aus, manchmal schiebt sich der Schmerz wie eine dunkle Wolke über ihre Fröhlichkeit. Doch nur in wenigen Momenten – vom letzten Jahr existieren bis auf eine kurze Sequenz nur Tonaufnahmen.

Es ist ein sinfonisches Ineinander von alten Filmausschnitten und der dokumentarischen Erzählung aus der Gegenwart. Auch ein wehmütiger Nachruf auf ein Künstlerbiotop, das über Jahrzehnte eine erstaunliche Produktivität an den Tag gelegt hatte, der Stolz des Staates und sein größter Quell des Argwohns. Das Kollektiv zerbrach nach dem Zusammensturz der DDR in viele Einzelkarrieren, in die Ich-AGs der Hübchens und Gwisdeks und auch der Gröllmanns. In Ich will da sein kommen sie noch einmal zusammen, wie später bei der Beerdigung, der ersten Szene des Films. Da hatte schon eine unerbittliche Kampagne tiefe Gräben durch alle Lager gerissen. Passenderweise eine Woche vor Kinostart des Stasi-Dramas Das Leben der Anderen wurden Vorwürfe laut, Jenny Gröllmann habe als IM gearbeitet. Das Verfahren wurde inzwischen eingestellt. Im Film ist diese Geschichte, in der sich vor allem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck auf unrühmliche Weise hervorgetan hat, nur eine Seitenepisode, und doch wird deutlich, wie groß die Wunden waren. Und zum letzten Mal erhebt sich ein fragender Konjunktiv. »Sie hätte sicher ein paar Monate länger gelebt«, sagt Michael Weidt, ein Freund aus Kindheitstagen, »wenn sie ein besseres Gefühl gehabt hätte. Wenn sie diese Scheiße nicht am Hals gehabt hätte.« 2008-06-19 09:48
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