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Julia

F 2008. R,B: Erick Zonca. K: Yorick Le Saux. S: Philippe Kotlarski. P: Les Productions Bagheera, Le Bureau u.a. D: Tilda Swinton, Saul Rubinek, Kate del Castillo u.a.
138 Min. Kinowelt ab 19.6.08

Eine Frau unter Einfluß

Von Carsten Happe Für sie selbst war es wohl augenscheinlich die größte Überraschung, als Alan Arkin ihren Namen in der Kategorie Beste Darstellerin in einer Nebenrolle verlas, so fassungslos erklomm Tilda Swinton die Stufen zur Bühne des Kodak Theatre und nahm ihren ersten Oscar entgegen. Ausgerechnet für ihr eher unscheinbares Spiel in diesem x-beliebigen Anwaltsthriller Michael Clayton, erst recht, wenn man ihren Background bedenkt, als Muse Derek Jarmans in den 1980ern und frühen 1990ern, ihre ikonographischen androgynen Darstellungen in Sally Potters Orlando oder Susan Streitfelds Female Perversions. Oder ihren Ausflug ins Blockbusterland mit den Chroniken von Narnia.

Mit 47 Jahren, in einem Alter also, in dem die meisten Schauspielerinnen-Karrieren zusammengefaltet und weggesperrt werden, ist Tilda Swinton schließlich im Hollywoodolymp angekommen. Und nun legt sie einen Film nach, der ganz allein ihr gehört, der so heißt wie ihre Figur und dort anfängt, wo diese komplett am Ende anlangt: Julia ist Alkoholikerin, berechnende Lügnerin und ein egozentrisches Wrack – down and out and fucked up in L.A. Die Oliven in ihren Drinks sind wahrscheinlich die einzige Nahrung, die sie den ganzen Tag zu sich nimmt, ihr zweitbester Freund ist der Barkeeper, der sie auch außerhalb der Öffnungszeiten nicht austrocknen läßt. Zu ihrem Glück gibt es noch Mitch, der sie wie ein wahrer Kumpel zu den Anonymen Alkoholikern schleppt, auch wenn sie sich bei den Sitzungen allenfalls darüber ärgert, daß sie die Happy Hour in ihrer Stammkneipe verpaßt.

Trotz dieses durch und durch verdorbenen Charakters schafft es Tilda Swinton mit kleinen Gesten und Blicken, Mitgefühl für Julia zu wecken, erst recht, als sich aus heiterem Himmel eine Chance auftut, als ihre AA-Leidensgenossin, die Mexikanerin Elena, sie für eine beträchtliche Summe darum bittet, ihren Sohn Tom aus den Fängen des garstigen Großvaters zu befreien. Elenas flammender Appell an die eigenen Muttergefühle stößt bei Julia allerdings auf ganz taube Ohren, schließlich bietet ihr die Entführung des Jungen und die Erpressung des steinreichen Opas die einmalige Chance, aus ihrem verkommenen Leben zu entfliehen.

Nun ist in der Kinogeschichte kaum eine Kidnappingstory reibungslos über die Bühne gegangen, und die Unwägbarkeiten des US-amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiets haben zuletzt No Country for Old Men und Babel eindrucksvoll untermauert. Julias simple Lösegeldidee wird allein schon dadurch torpediert, daß Tom kein wehrloses Kleinkind ist, sondern ein störrischer Neunjähriger. Und die kriminelle Energie der zunächst charmanten Mexikaner, denen sie schließlich in Tijuana über den Weg läuft, trifft sie nicht minder unerwartet. Die Story schlägt hier, angekommen im mexikanischen Melting Pot, mehr Haken als ein Karnickel vor der Flinte. Julias Planlosigkeit kulminiert in einer wilden Hetzjagd durch Hinterhöfe und in der Erkenntnis, daß es da draußen, so völlig nüchtern, verdammt gefährlich zugehen kann, zumindest ohne ihr Sicherheitsnetz Mitch. Derart in die Ecke getrieben verwandelt sich Julia, auch wenn sie dies wohl kaum unterschreiben würde, in ein wildgewordenes Muttertier – ihr mantraähnlich vorgetragenes »Ich bring’ dich zu deiner Mom!« impliziert nicht unbedingt die wartende Elena.

Daß Julia zum Ende hin nicht in ein hollywoodtypisches Familienmelodram kippt, ist eine der großen Stärken dieses Genrebastards, der sich zum Glück nicht zwischen Psychogramm und Kidnappingthriller entscheiden muß, da die Kombination in ihrer Unvorhersehbarkeit so ausnehmend gut funktioniert. Und natürlich, weil Tilda Swinton sich hier die Seele aus dem Leib spielt, sowohl durch ihre physische Präsenz, wie sie das Himmelhochjauchzende der Alkoholikerin am Abend und das Zutodebetrübte des darauffolgenden Katermorgens erfahrbar macht, als auch durch die leisen Zwischentöne einer beinahe aufgezehrten Frau, für die eine Kapitulation dennoch nicht in Frage kommt. Ob sie ihre Lehren aus dieser Affäre zieht, bleibt offen, doch zumindest hat sich ihr Horizont über den Rand ihres Whiskyglases und für die Tatsache, daß es dort draußen auch noch andere Menschen gibt, erweitert. 2008-06-13 14:29

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