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The Happening

USA 2008. R,B: M. Night Shyamalan. K: Tak Fujimoto. S: Conrad Buff. M: James Newton Howard. P: 20th Century Fox, Blinding Edge Pictures, UTV Motion Pictures. D: Mark Wahlberg, Zooey Deschanel, Robert Bailey Jr., Spencer Breslin, Betty Buckley, Lyman Chen, Rich Chew, Victoria Clark, Frank Collison, John Leguizamo u.a.
90 Min. Fox ab 12.6.08

Die Welt als Puppenhaus

Von Dietrich Brüggemann Daß man, wenn man Kritik üben will, zunächst mal über eine Kritik der Kritik nachdenken sollte, ist ein alter Hut. Allerdings hat die Kritik sich in den vergangenen Jahren gewandelt, und das liegt vor allem am Internet. Dort ist eine ganze Szene entstanden, die nichts anderes tut, als möglichst frühzeitig Hollywoodfilme ans Tageslicht zu zerren, sie zu begutachten und bei Nichtgefallen darüber herzufallen. Schon Drehbücher werden da verrissen, und wenn morgen früh jemand irgendwie ein schlechtes Quicktime ohne Musik und mit halbfertigen Effekten in die Finger kriegt, steht morgen abend garantiert eine Kritik im Netz. Das wäre alles halb so wild, wenn nicht insgesamt der Verdacht entstehen würde, daß die Netzgemeinde mit ihrer geballten Schwarmintelligenz insgesamt ziemlich konservativ und ganz schön dumm ist. Blockbuster, die ihre Zielgruppe gekonnt bedienen wie Herr der Ringe oder Spider-Man werden da bejubelt, wenn ein Hype erstmal rollt, springt jeder drauf, offensichtlich Mißlungenes kriegt auch schon sein Fett ab, aber alles, was im Rahmen des Mainstreams etwas abseitiger und experimenteller ist, wird gern plattgemacht, und kaum einer hat Lust, seine Stimme gegen das Gebrüll des digitalen Pöbels zu erheben. Das »Internet« wird oft herbeizitiert wie ein Subjekt, das eine eigene Stimme hat, wie ein neues Wesen, das aus einer anderen Sphäre zu uns spricht, aber man sollte sich ab und zu daran erinnern, daß dieses Internet so etwa zur Hälfte aus gehässigen Besserwissern besteht, deren Vorlieben oft ziemlich Schlagseite ins Enzyklopädisch-Nerdige haben und die manchmal auch einfach ein Brett vorm Kopf haben.

All das geht einem so durch den Kopf, wenn man im Internet ein wenig liest über den neuen Film des gebürtigen Inders M. Night Shyamalan, der 1999 mit The Sixth Sense die ganze Welt begeisterte und der seitdem mit mehr oder weniger Erfolg versucht, noch so einen Hit zu landen. The Happening paßt ganz gut in ein kleines, feines Subgenre, das man als Paranoia-Thriller bezeichnen könnte. Hitchcocks Die Vögel gehört dazu, Invasion of the Body Snatchers, in den letzten Jahren gab es auch Überschneidungen zum Katastrophenfilm, z.B. mit The Day After Tomorrow oder Krieg der Welten. Diesmal geht es um seltsame Geschehnisse, die wie so oft im New Yorker Central Park ihren Anfang nehmen. Menschen bleiben plötzlich verwirrt stehen, gucken leer in die Gegend – und dann bringen sie sich auf schockierende Art selbst um. Die Nachrichten erreichen Philadelphia, wo Mark Wahlberg als Biologielehrer vor seiner Klasse steht. Die Schule wird evakuiert, die Stadt wird evakuiert, der Held sitzt mit seiner Frau und einem Freund und dessen Kind im Zug, der Zug hält an, sie landen irgendwo im Nirgendwo, sie beschließen sich irgendwohin durchzuschlagen, wo man überleben kann.

Man weiß nie genau, wo die Bedrohung herkommt und wie lang sie anhält. Die Handlung an sich ist banal, und die Erklärung selbst ist zwar irgendwie schlüssig, aber auch wiederum so banal, daß man sie vielleicht besser weggelassen hätte. Wahlberg und Zooey Deschanel, die seine Frau spielt, haben einige hübsche Paarstreitigkeiten, von denen man nie so genau weiß, ob sie so lustig gemeint sind, wie sie rüberkommen, zumindest in der impertinenten deutschen Synchronfassung, die der Presse leider gezeigt wurde. Wahlbergs Figur ist so, wie die Helden in Thrillern oft sind, nämlich ohne erkennbare Eigenschaften, und man weiß auch nicht so genau, ob er gut spielt oder vielmehr miserabel, was aber auch wieder mit der Synchronfassung zu tun haben könnte. Einige Situationen sind so seltsam, daß man nicht genau weiß, ob es Komik ist oder einfach mißraten. Das meiste, was man sieht, ist eher unspektakulär – und doch hat der Film einen seltsamen Sog, dem man kaum entkommt. Der langsame, aber unerbittliche Rhythmus, die klagende Musik, die Bilder, in denen die ganze Welt aussieht wie ein seltsames, lebensgroßes Puppenhaus, all das hat man so zuletzt in The Sixth Sense gesehen, Shyamalans frühem Meisterwerk. Die Szenen, in denen immer wieder im Film Menschen urplötzlich versteinern und sich dann vom Leben zum Tode befördern, sind beunruhigend und unheimlich. Sie bleiben haften, sie bilden den eigentlichen Kern der Geschichte. Die Natur, sagen sie, ist uns fremd geworden, und wir sind ihr Fremde geworden. Auch diese Aussage ist ziemlich banal, aber sie landet nicht im Kopf, sondern geradewegs im Bauch, und dort wirkt sie nach.

»Happening« ist ja außerdem ein Begriff aus der Aktionskunst, als es darum ging, die Grenzen der Kunst zu erweitern und in den Alltag einzudringen – möglicherweise ist das vom Autor nicht beabsichtigt, aber diese Szenen wirken genau so. Etwas Unbegreifliches dringt in unseren Alltag ein und verändert unser Verhalten. Sie sind wie Kunstwerke. Sie stellen Fragen, sie beunruhigen, sie sehen komisch aus, und es ist nicht leicht, sich von ihnen zu distanzieren. Wann hat man so etwas schon mal im Mainstreamkino?

Es sieht so aus, als würde dieser Film vom »Internet« oder den Leuten, die sich dafür halten, geschlachtet. Und zwar zu unrecht. Es spricht einiges dafür, daß er kein Meisterwerk ist, aber wenn man einen wirklich miserablen Film mit der gleichen angestrebten Grundstimmung sehen will, sollte man sich Oliver Hirschbiegels Invasion ansehen. Zwischen dem und The Happening ist ein himmelweiter Unterschied, zwischen Meisterwerk und Müll gibt es noch ein paar feinere Abstufungen. M. Night Shyamalan ist auf seine Weise ein Unikat. Er ist ein Mainstream-Autorenfilmer – jemand, der seine unverwechselbare Handschrift, seine persönliche Weltsicht, in massentaugliche Kinounterhaltung einbringen kann. Das hat er hier getan, und zwar deutlich zwingender als in seinen letzten Werken. 2008-06-11 11:47

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