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Der Weiße mit dem Schwarzbrot

D 2006. R,B: Jonas Grosch. K: Miriam Troescher. S: Antje Lass. M: Madou Coulibaly. P: Doni Doni Film.
73 Min. MMM Film ab 12.6.08

Zwischen RAF und Hollywood

Von Marieke Steinhoff Gestatten, Christof Wackernagel: Schauspieler in den 1960ern, RAF-Mitglied in den 1970ern, nach seiner Verhaftung zehn Jahre im Gefängnis, danach Regie- und Dramaturgieassistent und Rückkehr zur Schauspielerei, momentan wohnhaft in Mali, wo er als Schriftsteller, Musiker, Maler und Initiator für Hilfsprojekte tätig ist.

Wie stellt man sich so einen Menschen vor? Die Kamera zeigt uns einen dünnen, drahtigen Mann mit lebendigem Gesicht, der voller Leidenschaft und Inbrunst sein Traumprojekt vorstellt – die Kulturkarawane: 200 Künstler aus der ganzen Welt, die ein Jahr durch Afrika reisen und interkulturelle Projekte durchführen. Dieses Projekt, gescheitert »an der Ignoranz eines Joschka Fischer«, ist nur eines von vielen, die Wackernagel in seinem Kopf hat. Man merkt schnell, daß hier jemand ist, der nie nur zugucken konnte, sondern immer aktiv dabei sein mußte. Und der mehr als nur einen Lebensentwurf gelebt hat. So ist denn auch Der Weiße mit dem Schwarzbrot keineswegs nur ein Dokumentarfilm über den Ex-RAFler Wackernagel, sondern über einen Menschen, der sich voller optimistischer Naivität, Leidenschaft und Neugierde in die unterschiedlichsten Lebenskontexte begeben hat.

Der Zuschauer erlebt Wackernagel im Hier und Jetzt. Keine Rückblenden mit Bildern zum düstersten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, statt dessen die warmen Farben Malis und die melancholische Musik von Wackernagels Freund Madou. Kamera und Regisseur begleiten ihren Protagonisten lautlos, lassen ihm den nötigen Raum, um seine Theorien zu entfalten, seine neue Heimat zu zeigen und seine Vergangenheit zu reflektieren. Jegliches Fremdmaterial wie historische Aufnahmen, Interviews mit anderen Zeitzeugen oder auch ein Soundtrack, der neben Madou noch andere Musiker zuläßt, wird gemieden, der Film läßt sich ganz auf seinen Protagonisten ein und versucht nie, diesen zu konterkarieren oder in Frage zu stellen. Muß er auch gar nicht, denn das tut Wackernagel ganz von alleine, indem er mit selbstironischer Distanz Episoden seines Lebens zum Besten gibt und dabei auch mal herzlich über sich lachen kann.

Neben Wackernagel lernen wir aber auch eine ganze Menge über die Bewohner Bamakos, der Hauptstadt Malis. Statt Exotik-Impressionen erleben wir das bunte Treiben auf der Straße zusammen mit Wackernagel und Madou, mit Taxifahrern und Brotbäckern. Dies schafft eine Volksnähe, die Wackernagel sich auch für die Offiziellen wünscht, wenn er vorschlägt, ihnen ihre Dienstwagen wegzunehmen, um sie mit den Taxifahrern Malis zu konfrontieren und sie damit dazu zu zwingen, sich ihre Geschichten anzuhören.

Es mag zum Schmunzeln anregen, mit wie viel Erstaunen Wackernagel zum Teil auf die gesellschaftlichen Probleme Malis reagiert, aber in seinem irritierten Nachfragen über die Rohstoffausbeutung Afrikas und die Engstirnigkeit vieler Politiker und Entwicklungshelfer läßt sich auch etwas wiedererkennen, das mit dem Ende der 68er-Ideologien vollkommen verschwunden zu sein scheint: der Glaube an eine bessere Welt. So ist denn auch Der Weiße mit dem Schwarzbrot mit seinem leidenschaftlichen, naiven, emphatischen und auch eitlen Protagonisten das vielleicht wahrste, liebevollste und lustigste Porträt, das in letzter Zeit von dieser Generation gemacht wurde. 2008-06-06 15:22
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