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All In – Alles oder nichts

Deal. USA 2008. R,B: Gil Cates Jr. B: Mark Weinstock. K: Tom Harting. M: Peter Rafelson. S: Jonathan Cates, Eric Strand P: Seven Arts Pictures, Andertainment Group, Crescent City Pictures, Tag Entertainment D: Burt Reynolds, Bret Harrison, Shannon Elizabeth u.a.
86 Min. Seven Arts Pictures ab 12.06.08

Casino banal

Von Jakob Stählin Gil Cates Jr.s Film All In ist ein klassisches Beispiel für seichte Unterhaltung: Entertainment mit einem semipopulären Hollywoodhaudegen für dreieinhalb Millionen Dollar Produktionskosten. Aus dem Verdrängen des Kinos als Filmbezugsquelle Nummer Eins ergibt sich eine Chance, und so sollte man annehmen, daß, bliebe der unbekümmerte Zuschauer den Lichtspielhäusern dieser Welt fern, eine Verschiebung der Zielgruppe – von der Masse zur Nische – interessante Perspektiven für den Film bieten könnte: umdenken, weg von der Retorte. Doch überraschenderweise schlägt sich die Gier der schnellen Unterhaltung auf TV-Niveau nach wie vor viel zu häufig in den Lichtspielhäusern nieder. All In ist ein als Film getarnter Dauerwerbespot für das Pokerspiel, der oberflächlich all das demonstriert, was selbst jene schon wissen, die absolut keine Ahnung haben, was ein Flush ist. Der altgewordene Reynolds gibt nuschelnd den Ex-Zocker, der sich einen jungen – reichlich langweiligen – Collegeabsolventen zum Zögling macht, um dessen Talent für das Pokern auszubauen und selbst etwas Kohle abzugreifen. Eine kleine Liebesgeschichte und ein einfacher Konflikt führen zum altbekannten Showdown zwischen Lehrer und Schüler. Dieser wird durch eine Fernsehübertragung des Pokerturniers eingeleitet, und wäre da nicht die Leinwand, hätte man spätestens jetzt vergessen, daß man sich im Kino befindet: Viel zu penetrant bewerben Statisten mit T-Shirts eine Internetpokerseite.

In jüngerer Vergangenheit hat das Pokern eine Renaissance erlebt und wird nicht selten Thema von Infotainment-Ramsch: Gerne wird dann erklärt, wie genau man auf jedes Husten, Zwinkern, Kratzen oder Fingerzucken achten muß, um zu gewinnen. Im Fernsehen kann man so eine platte Verarbeitung wegschalten, doch auf 35mm muß dem Sujet anders begegnet werden als dem immergleichen Herunterbeten der Glücksspielthekenpsychologie. Es genügt keineswegs, eine kahle Miene aufzusetzen, kecke Sprüche zu reißen und die Partie anschließend lehrmeisterhaft bei einem alkoholischen Getränk zu intellektualisieren – denn der Rahmen darf das inhaltliche Szenario nicht ersetzen. Paul Thomas Andersons solider Erstling Hard Eight oder die durchweg spannende Casino-Sequenz des jüngsten Bond bemächtigen sich handlungsunterordnend dem Zauber des Zockens und befinden sich auch inszenatorisch fernab des Fernsehniveaus. Einem 007 kann man gar das ebenfalls aufdringliche Product Placement verzeihen, da es niemals die Essenz des Films verdrängt: eine Geschichte, die erzählt werden will – doch die sucht man in All In vergeblich. So ist es nur verständlich, daß Burt Reynolds und sein Co-Star Bret Harrison zurückhaltende Darbietungen geben, da das Skript keinerlei Leben in den Hauptfiguren weckt, deren Eindimensionaliät gerade noch kontrastiert wird von der noch kahleren Nebenfigur Shannon Elizabeths.

Eine individuelle Inszenierung hätte schauspielerische und dramaturgische Mängel kaschieren können, doch hier stimmt absolut gar nichts. Schon die ersten Einstellungen des Films lassen erahnen, daß ein schablonenhaftes Machwerk durch den Projektor läuft: OC California-Ästhetik, untermalt von beliebiger Alternative Rock Musik. Ein Nichtfilm, der sich auf Zelluloid verirrt und sich überraschenderweise bis nach Deutschland verlaufen hat. 2008-06-06 14:31
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